Wir Haiderwähler und wir Nichthaiderwähler

Von Markus Wilhelm

 

Das Schlimme ist nicht, daß viele Leute Haider wählen. Das Schlimme sind die Zustände, die die Leute so zurichten, daß viele ihren Ausweg im Haiderwählen sehen. Ich verstehe sie, und ich finde nichts Verwerfliches an ihnen, so verwerflich ich J. Haider finde.

Unter sogenannten Haider-Gegnern greift indes reinster politischer Rassismus um sich: "Sicher mehr als 50% der Österreicher sind zumindest verkappte Nazis." "Österreich bringt geradezu genetisch Nazis hervor." (G. Roth in News, 17.8.95)

Der Haiderboom bietet nun den Zeitgeisthuren die scheinbar elegante Möglichkeit, ihrer lange verhohlenen, tiefen Verachtung der Masse freien Lauf zu lassen, die kleingemachten Leute hemmungslos zu verleumden. Zu fragen wäre jedoch: Was macht die Haiderwähler zu Haiderwählern? Selbst wenn man mit den Schmocks antworten würde, ihre Rohheit und ihre Torheit, wäre damit nicht die Lösung auf dem Tisch, sondern erst das Problem. Es geht nicht darum, was die Leute, die Haider wählen, eventuell anrichten können, sondern darum, was an den Leuten, die Haider wählen, angerichtet worden ist. Die Erde ist keine Scheibe. Am Rande des Blickfeldes geht sie weiter. Hinter dem sichtbaren Geschehen steht ein anderes Geschehen.

Es herrscht heillose Verwirrung im Land. Selbstverständlich sind nicht die unausgesetzt durch die Gazetten promenierenden Haider-Gegner als Haider-Opfer zu sehen (A. Pelinka im News vom 12.10.95: "Haider in der Regierung würde bei mir persönlich eine deutliche Verschlechterung der Lebensqualität bedeuten'), nicht der Politiker, den Haider einen "armseligen Kerzenleuchter" nennt, ist ein Haider-Opfer und nicht der Schlagersänger, den er als "linken Nachtschwärmer" bezeichnet. Als Haider-Opfer sind vielmehr jene zu sehen, die ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben heute in ihn setzen. Sie haben aber auch das Zeug, morgen die Haider-Gegner zu sein. Darum geht es im Folgenden. Grüß Gott!

 

Nichts von dem, was ist, ist ohne Grund, warum es sei

 

In den Leuten, die Haider nachlaufen, haben wir Leute zu sehen, denen's nicht gut geht, denen etwas fehlt. Und zwar alles eher als Haider. Seine Wahlerfolge sagen mehr über die Zustände aus als über ihn. Politikwissenschaft, die man sich kaufen kann, verhöhnt den Großteil der FPÖ-Wähler als 'Systemverdrossene" (F. Plasser/P. Ulram, November 1994). Dabei läge die Wahrheit mit "Systemverdroschene" so nahe! Natürlich sind die Haider-Wähler zum Teil bösartig, widerlich, niederträchtig, fies, gehässig, aber diese Eigenschaften sind ehrliche Produkte ihrer Lebensverhältnisse. Bevor wir uns ereifern wollen darüber, was die Leute anstellen, bitt' ich, sollten wir uns doch ereifern darüber, was mit den Leuten angestellt wird. Beim Mann mit dem Schremmhammer grrrr!-grrr!-grrrr!, der nun schon seit zwei Stunden grrrr!­grrr!-grrrr! entsetzlichen Lärm grrrr!-grrr!-grrrr! macht vor meinem Fenster grrrr!-grrr!-grrrr! und mich nervt grrrr!-grrrr!-grrrr!, denke ich: wie muß das ihn nerven! Der Arbeiter, der nach einem Hitler schreit, hat in dem, wovon er dabei ausgeht (!), noch allemal mehr recht als der Fünfzig- oder Hunderttausend-Schilling-Krawattinger, der ihn dafür als Faschisten ins Eck stellt. Die Zustände drängen massiv auf Veränderung. Die Menschen drängen massiv auf Veränderung. Sie haben keine Ahnung: wohin. Daß diese Leute Haider wählen ist erst das zweite. Das erste ist, daß sich Haider diese ausgewählt hat.

Das Reservoir, das er anzapft, wird in dieser Gesellschaftsordnung der alles bestimmenden Fremdarbeit (in der Fabrik, im Büro, im Hotel, in der Werkstatt, im Kaufhaus) im 3-Schichtbetrieb sozusagen ständig aufgefüllt durch erzwungenes zirkusreifes Männchenmachen am Lohngängelband.

 

Originalton:

 

"Wie oft hab ich schon gedacht. Heute läuft das Band schneller! Das merkst du mit der Zeit! Wenn du jeden Trag am Fließband stehst und auf einmal dann - ! Du hast das irgendwie im Gefühl. Heute läuft das Band schneller." (Doris)

"Meine jetzige Arbeit tue ich nur, weil ich so mein Brot verdienen Muß. Stolz oder Befriedigung gibts da nicht. Entscheidend ist nur die Stückzahl. Ich muß ehrlich sagen: Wenn ich im Lotto gewinnen würde und entsprechend Geld hätte, würde ich keinen Tag länger arbeiten. Diese Arbeit befriedigt mich nicht. Man freut sich nur jeden Tag, wenns wieder vorbei ist. Wenn einer nicht eine ganz bestimmte Tätigkeit hat, kann keiner auf seine Arbeit stolz sein. Keiner arbeitet da freiwillig. Aber man muß eben leben." (Albin)

"Die Bandpausen sind normalerweise nur dazu da, um zur Toilette zu gehen. Und in der letzten Bandpause sollst du auch noch saubermachen." (Petra)

"Und dann sollst du immer sagen: schön ja und Amen, und schaust immer nur runter und beobachtest deine Platte und machst alles schön. Wenn's geht, sollst du keine Widerworte sagen, nicht mit deinen Nachbarn quatschen. Im Moment stinkt's mir unheimlich. Ich möchte meine Arbeit hinschmeißen. Also ich krieg morgens den Horror, wenn ich die Bude sehe. Die seh ich schon von der Autobahn aus ". (Doris)

'Irgendeine innere Befriedigung oder sowas gibt mir die Arbeit nicht. Nach der Schicht ist es nicht etwa so, daß man denkt: Nun habe ich wirklich etwas geschafft, darauf kann ich stolz sein. Alle denken nur eines. Gott sei Dank ist der Tag auch wieder um! Wenn man schnell und sauber arbeitet und keinen Murks macht, dann kann es schon sein, daß der Meister dich einmal lobt. Aber wofür soll er sonst loben? Diese Arbeit ist doch ein Idiotengeschäft!" (Otto)

'Man sitzt unmittelbar unter der Neonröhre. Und da sitz einmal ein Jahr! Morgens geht das noch, aber wenn ein paar Stunden vorbei sind, kannst du die Leute in weiter Entfernung nicht mehr erkennen. Da kriegst du solche ohnmächtige Wut!" (Petra)

 

Dumme Frage, warum Haider soviel Unmut kanalisieren kann. ja, weil soviel da ist! Die Gewöhnung an den Irrsinn, zu anderen Leuten für diese arbeiten zu gehen, ist auch in der fünften Generation erst äußerlich. Das Herz des Menschen wird das nie akzeptieren! Statt als Mensch als Kellnerin zu leben! Als Fernfahrer! Als Schreibmaschinenschreiberin! Sein Leben als Gewindeschneider hinzugeben! Als Supermarktkassa! Als Schremmhammer! Das Leben der Milliardäre Swarovski, Liebherr oder Wlaschek schöner zu machen - statt das eigene.

Diese Beispiele machen hoffentlich schon deutlich, um welche überwiegende Mehrheit unter den Haiderwählern es in diesem Heft geht. Und um welche Sorte nicht, nämlich jene, deren Geschäft Haider politisch in Wirklichkeit betreibt (z.B. Industrielle, Rechtsanwälte, Hoteliers, Zahnärzte, Unternehmerinnen, Steuerberater, FP-Funktionäre ...).

Abspülen für andere erzeugt Bitterkeit. Baggerfahren für andere erzeugt Groll. Wurstabschneiden für andere erzeugt Widerwillen. Am Malergerüst entsteht Mißmut. An der Knopflochmaschine bildet sich Ingrimm. Am Dateneingabegerät wächst Frust.

Die Stechuhr sticht. Der Lohndruck drückt. Der Leistungszwang zwingt.

Und nirgends ein Ufer zu sehen, das rettet.

Nicht vom Kapitalismus geschändete Menschen würden sich über Haiders Kraftmeiereien halb tot lachen - - -, die heutigen steckt er fast mühelos in den Sack. Ist Haider dran schuld? Sind die Haiderwähler schuld? Kruzitürkn!, nein!, nicht die Getretenen, Geschlagenen, Gedemütigten sind schuld! Soweit ist es schon, daß man das ausdrücklich sagen muß!

In Haiders Reden an die Unfreien, Schikanierten, Gegängelten wimmelt es nur so von Klagen über Gängelung, Schikanen, Unfreiheit. Das tut der gequälten Kreatur so wohl. Die Wut der Leute über ihr eingekasteltes Leben ist echt. Endlich wird wo, bei Haider eben, der sie niederzwingende Zwang beim Namen genannt, das ihre Wünsche niederdiktierende Diktat, der Druck, dem sie ausgesetzt sind, die Abhängigkeit, unter der sie stehen!

Wirklich, wir leben in finsteren, durch noch so viele über die Mattscheibe flimmernde Gameshows nur unwesentlich erhellten Zeiten: Welches Mittelalter! Gezwungen, dem fremden Lebensherrn C&A Etiketten in Sweatshirts einzunähen oder dem Potentaten Porr AG Tiefgaragen zu betonieren! 

Wenn Haider in einem System voller Schikanen, in dem niemand von Schikanen spricht, von Schikanen spricht, ist die Wiese für ihn so gut wie gemäht. Das Wort als Signal reicht aus, um den Blutdruck anzutreiben. Was bedeutet es da noch, daß die Schikanen, über die Haider wettert, dann nicht die des freien Arbeitsmarktes sind, sondern irgendwelche Verwaltungsschikanen, das Diktat, das er anprangert, gar nicht das des bezahlten Preises für eine Arbeitsstunde ist, sondern ein angebliches Gewerkschaftsdiktat, und die Kommandogewalt, die er zertrümmern will, doch nicht die reale des Finanzkapitals ist, sondern die von ihm entdeckte Kommandogewalt der 68er Bewegung! Haider holt die Leute am richtigen Ort ab, aber er fährt sie an den verkehrten hin. Er beutet die wirklichen Martyrien der Leute schamlos aus, um die Dinge zu belassen, wie sie sind. Vom Zwang zur Nachtarbeit für den Hotelier und vom Zwang, siebzig Kilometer zu pendeln für den Profit des Siemenskonzerns nimmt er kein Alzerl weg, wenn er noch so oft von Kammerzwang und Beitragszwang redet. Er führt die Menschen, die ganz nahe dran sind am Richtigen, in die Irre und instrumentalisiert ihre Nöte für seine Karriere. Der Gängelung durch den Wohnungsmarkt, die sie wirklich belastet, und der Gängelung durch den Stellenmarkt, die sie wirklich peinigt, macht er die Mauer, indem er den Gegängelten dafür eine parteipolitische Gängelung andreht. So als litte ein Eingesperrter unter dem schlechten TV-Programm! Politik machen, das weiß Haider, kann man nur mit echten Gefühlen. Was man tun kann (und was er tut), ist, man kann sie auf den Kopf stellen.

 

Es ist reaktionär den Menschen daraus einen Strick zu drehen, daß sie ihm auf Losungsworte wie Gefügigkeit, Ohnmacht und totale Vormundschaft nachlaufen - und nicht vielmehr jenen einen, die sie durch wirkliche totale Vormundschaft in wirklicher Ohnmacht und wirklicher Gefügigkeit halten. Die sie ihm damit mustergültig präparieren. Die Nichthaiderwähler haltens noch aus, das lange schon Unaushaltbare. Die Haiderwähler haltens nicht mehr aus. Unter dem Kapitalismus sind die Leute fast ohne Chance, auf Pseudosozialismus nicht hereinzufallen. Leopold Figl fing die Österreicherinnen und Österreicher nach dem Krieg mit seinem Versprechen: "Das Österreich von morgen wird ein neues, ein revolutionäres Österreich sein." (21.4.45),und Karl Renner köderte mit dem Versprechen: "Daß die Zukunft des Landes dem Sozialismus gehört, ist unfraglich und bedarf keiner Betonung." (15.4.45) Selbst die reaktionäre CDU mußte in ihrem ersten Nachkriegsprogramm festhalten; "Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden." Die niederdrückendsten Erfahrungen, die die Menschen in diesem System machen, drängen klar auf Befreiung und sind alles eher als die Wurzel von Faschismus, aber sie können gekapert, entführt und in ein Mittel der Vervollkommnung ihrer Knechtschaft verwandelt werden. Haider, z.B., bringt mit seinen falschen Worten von Macht, Machtblock, Machtkartell die Leute dazu, die reale Macht, den tatsächlichen Machtblock, das leibhaftige Machtkartell zu akzeptieren. Damit festigt er nicht nur die unausstehlichen herrschenden Zustände, sondern führt damit jenem Frust ständig neue Nahrung zu, den er für seine politische Karriere so notwendig braucht. Doppelmühle.

 

Vielleicht wollen die Geprügelten, die sich dort nicht wehren (können?), wo sie wirklich als Untertan behandelt, eingeschüchtert und Gewissensdruck ausgesetzt werden, von Haider vorgelegen bekommen, daß sie vom Staat, von der Regierung, von der SPÖ, von den Kammern mundtot gemacht werden. Vielleicht sind sie ihm sogar dankbar, daß er den Konflikt, dem sie sich dort nicht stellen, wo er tagtäglich stattfindet, wo man wirklich ruiniert wird, wenn man nicht das Knie beugt, nicht anspricht und ihn noch größer und noch schöner auf der Ebene des Parteienproporzes und der Zwangskammern, der Regierungsallmacht und der Staatsbürokratie in Szene setzt. Gegen den Mietherrn ist's nicht leicht. Der Immobilienkaiser scheint, wie der Name nahelegt, nicht absetzbar. (Es gilt Erbfolge.) Da ist's einfacher, einen blonden Landesrat durch einen brünetten zu ersetzen, einen einmeterdreiundsiebzig langen Wirtschaftsminister durch einen einmeterneunundsiebzig langen. Haider hat diese Ablenkung von den existentiellen Konflikten durch ein Riesentheater auf der politischen Vorderbühne nicht erfunden. Er hat aber neuen Schwung in dieses Schauspiel hineingebracht. Nicht, obwohl es Wahlen gibt, bleibt der Marmeladenkönig Marmeladenkönig, sondern weil es Wahlen gibt. Sonst würden die Menschen auf die unerträglichen Verhältnisse selber losgehen. Hinter einem riesigen Paravant aus zig Wahlen, Doppelwahlen, Stichwahlen, Superwahljahrwahlen, Schicksalswahlen usw. hat sich, z.B., der Handwerksbetrieb der Swarovskis zum Milliardenkonzern herausgefressen. Die herrschende Ideologie, genauer: die Ideologie der Herrschenden, wonach die Politiker die Machthaber seien und damit schuld an unserer mißlichen Lage, wird uns ja bereits mit Milupa eingelöffelt. Eine ideale Voraussetzung für Haider, die Unzufriedenheit der Menschen auf den Funktionärscliquen abzuladen.

 

Der Kapitalismus produziert mancherlei, aber nichts in allen Branchen und in solch rauhen Mengen wie Angst. Angst ist normale Reaktion auf Abhängigkeit: vom Mietherrn, vom Dienstherrn, vom Warenmarkt, vom Arbeitsmarkt, von der Konjunktur, von der Börse usw. Das Kapital, als Auslöser der alles niederdrückenden Existenzangst, versteht es, sie in hundert handhabbare Ängste umzulegen, die grandios ausbeutbar sind. So gibts für die vielbeworbene Angst vor dem Unfall die Unfallversicherung und für die vor dem Einbruch die Einbruchsversicherung. (Eine gegen Ausbeutung wird meines Wissens nirgendwo angeboten.) Es geht darum, den im Kapitalismus nie versiegenden Quell der Lebensangst gewinnbringend zu kanalisieren. Möglich wird dies dadurch, daß die Menschen dieser Angst dort, wo sie herkommt, aus dem Wege gehen. Ein Glück für die Unterhaltungsindustrie, die daraus z.B. eine Angst vor dem Weißen Hai machen kann, und ein Glück für die Politik, die eine vor der Umweltkatastrophe, eine vor Gewaltverbrechen oder vor Menschen vom "Stamme" der Nichtösterreicher machen kann. Das kapitalistische Regime macht Angst, und diese kann nutzbringend angewendet werden zur Festigung dieses Regimes. Doppelmühle. (Der Gleichklang der politischen Forderungen Haiders mit denen der großen Unternehmer-Lobbys wurde im vorigen Heft dokumentiert.) Viele Polizisten im Stadtbild heißt nicht, daß viel Gefahr herrscht, nur, daß viel Angst herrscht. je mehr die gefürchteten Nichtösterreicher gejagt werden, desto größer wird die Angst vor den Nichtösterreichern. je mehr Angst, desto besser. Angst ist Rohstoff für die herrschende Politik.

 

Bevor man frägt, ob die Leute, die Haider wählen, der bestehenden Ordnung Probleme machen, muß die Feststellung erlaubt sein, daß die bestehende Ordnung den Leuten Probleme macht. Haider wagt es, die Menschen als das zu nehmen, was sie sind: durch Frondienst gedruckte, um Willensfreiheit und Initiative gebrachte Wesen. Das ist das Rezept seines Erfolges. Er packt die Leute dort, wo sie wund sind. Übrigens genau der Ort, auf den die Warenwerbung schon lange abzielt. Iglo will für den Absatz seiner Mohnnudeln die Leute genauso kurzgehalten, wie sie sind: "Man gönnt sich ja sonst nichts!". Audi braucht, um viel Geld zu machen, die Leute genauso deklassiert, wie sie sind: "Der A4 von Audi. Der attraktivste Einstieg in die Oberklasse." Auch Haider wünscht sich, um viele Stimmen zu bekommen, die Leute grad so demoliert, wie sie sind. Er braucht den sich selbst entfremdeten, "ganz normalen, fleißigen Österreicher, der im Leben was schaffen will" (News, 17.8.95). Er will ihn ganz unter den kapitalistischen Leistungsterror zwingen, damit dieser ihn dann ihm als fette Beute vor die Füße wirft. Haider: "Was wir brauchen, ist eine klare Rückbesinnung auf Werte wie Fleiß, Leistungswille, Arbeitsmoral, Disziplin und Ordnung." (Österreich-Erklärung, Wien 1994)

 

Dafür, daß er ausgenommen werden kann wie eine Weihnachts­gans, präpariert die Lohnarbeit den Menschen schlechtweg ideal. Mein Gott, vielleicht könnte er ein größeres Maul haben, eine belastbarere Leber, vielleicht ein paar Gliedmaßen mehr zum Anbringen von ein paar Modefetzen mehr aber von der psychischen Zurichtung her, muß man sagen, ist er optimal gelungen.

 

Gegenprobe: Wenn ich Haider wäre

 

Wenn Haider ein Populist wäre, würde er Dinge sagen, die ein Großteil der Bevölkerung lieber hören würde als zum hundertsten Mal den Quatsch von Bürokratiedschungel und Privilegiensumpf. Er würde die Anhebung der Löhne um 25 Prozent fordern (damit erwischte er die Menschen doch auch, wo sie verletzt sind!), er würde Großkapitalisten mit ihrem zusammengeraberten Reichtum angreifen ("Privilegienschwein!), auf Milliardenkonkursen (Atomic, Emco, ...) herumreiten, Preistreiber bloßstellen ("Ganoven!), und damit den berechtigten Aggressionen ein viel direkteres und populäreres Ziel geben), lmmobilienhaie aufblattln ("Verbrecher!), Korruptionisten anschießen ('Gauner!), Steuerbetrüger ("Diebsgesindel') anprangern. Warum tut er das alles nicht? Warum nützt er die Not der Leute nicht aus und deckt die Bankenkriminalität auf, macht die Raiffeisen-Genossenschaften nieder und gibt die Kapitalisten-Lobby Industriellenvereinigung der Lächerlichkeit preis? Er könnte die 34-Stunden-Woche fordern und fünf Prozent Eckzinssatz. Er könnte anstelle des nach Österreich geflohenen EI Hussein A. den wirklichen Wirtschaftsflüchtling Swarovski jagen und statt der Entwendung eines Kodakfilmes durch einen slowakischen Tagestouristen die systematische Ausrottung der Greisler z.B. durch den Billakonzern als wirklichen "Ladendiebstahl" brandmarken. Damit würde er dieselben Emotionen mit mehr Erfolg bedienen. Warum tut er's nicht? Will er nicht mehr Erfolg? Warum fordert er angesichts der Wohnungsnot keine Zweitwohnungssteuer? Warum keine Luxusschlittensteuer? Könnte er bei den meisten Haiderwählern und bei vielen, vielen Nichthaiderwählern mehr punkten, als wenn er die Milliardensubventionen des Staates an die größten Geldsäcke öffentlich machen würde ("Sozialschmarotzer!')?

So nahe all dies läge, so weitab ist es für Haider. Er ist der Mann der Geldsäcke, nicht derer, die unter ihnen leiden. Wenn er das oben Angeführte täte, oder auch nur das eine oder andere davon, würde sich die unbezahlte, unbezahlbare Haider-Werbung von Krone bis News schlagartig aufhören. Die Qualen der Menschen braucht er nur - aber unbedingt! um das bestehende System im Interesse der oberen Zehntausend, und das heißt: gegen das der unteren Siebenmillionenneunhundertneunzigtausend, zu vervollkommnen. Wenn man sich ansieht, was Haider fordert, so ist es genau das, was auch in der Kronenzeitung ankommt. In der Kronenzeitung kommt nur an, was Hans Dichand, einem der reichsten Männer Österreichs, paßt.

Die oben genannten, vernünftigen Forderungen, die Haider allesamt nicht stellt, allesamt zu stellen, wäre eine Möglichkeit, ihn ins Eck zu stellen.

 

Die Menschen wären nicht normal, wenn sie nicht entsetzlich darunter litten, um sieben Uhr in die Fabrik gepfiffen zu werden, jahraus, jahrein, und von zwölf bis halbeins auf Maggi-Gusto-Tassen-Pause gesetzt zu werden. Nicht die Reaktion darauf mit offenem Haß und Aggression ist erklärungsbedürftig, sondern das Fehlen von Haß und Aggression. Wem (durch Erziehungsdruck z.B.) die ehrlichen heftigen Gefühle untersagt sind, der wird unweigerlich eine Beute des Marktes. Praktisch über jeden versuchten Fluchtweg - Freßsucht, Alkoholsucht, Drogensucht, New-Age-Sucht, Sportsucht, Kaufsucht, Karrieresucht, TV-Sucht, Autosucht u.a.m. - läuft er einem Warenhändler direkt in die Arme. Wiederum Doppelmühle: Die Reaktion auf die Unterdrückung richtet sich damit erstens nicht gegen die Unterdrücker, sondern ist zweitens für diese auch noch ein Geschäft. Weil 'Freiheit' für die Mehrzahl der Menschen hier nicht auf dem Programm steht, kann ihnen ein Eau de toilette als "Der Duft der Freiheit" angedreht werden, weil es zu einem 'erfolgreichen Leben' für die meisten nicht reicht, können ihnen massenhaft Jeans unter dem Werbeslogan "successful living" untergejubelt werden. 

Wer seine Aggressionen mit Zuschütten nicht zuderschüttet, dem gehen sie am falschen Ort los, z.B. in der Familie oder im Stra­ßenverkehr. Oder in der Politik. Beispiel: Das weitverbreitete Bedürfnis, in Jugoslawien dreinzuhauen, hat auch mit den eingesperrten Aggressionen der Menschen zu tun. Hier tut sich ein gesellschaftlich akzeptiertes Feld auf für Entladung, hier ist Platz für die kaum zurückhaltbare Zerstörungswut. Wie vermurkst die Leute sind! Gewiß. Aber was, wenn es dort, wo es hingehört, nicht herauskam? Im Ziel ihrer Attacken haben sie so grandios unrecht, wie sie in ihrem Grund dazu recht haben. Das, worauf Haider baut, Haider noch mehr baut als seine Kollegen, ist da. Sowenig er irgendetwas erfunden hat (siehe weiter unten), sowenig die elendige Wut der Leute. So wie vieles andere hat er sie auch bloß gefunden. Was er kann, und auch wieder besser kann als seine Kollegen, ist: ihr ein Ziel geben. Er sammelt die überschießende, blindwütige Rebellion der Leute und lenkt sie direkt oder indirekt gegen seine Karriere-Konkurrenten. In der vollkommen irregeleiteten Empörung vieler Menschen über den berüchtigten (von Haider selbstgebastelten) straffälligen Libanesen, der 20.000 Schilling Staatsunterstützung kassieren soll, haben wir die Empörung über die eigene Lage zu sehen, im Haß, den er auf die Machtbesessenheit der SPÖ kanalisiert, den Haß über die eigene Ohnmacht. Dem Maculan-Maurer wird nicht "nur" die Wohnung, die er gebaut hat, weggenommen, sondern auch noch seine Wut darüber.

Mit ihren Aggressionen wären die Leute schon einen Schritt weit. Haider bringt sie zwei Schritte zurück.

An den Menschen liebt Haider nur die Wunden

Das Haiderwählen spielt sich auf der psychologischen, nicht auf der politischen Ebene ab. Kein Haider-Anhänger wird ihn je nach einem Strukturprogramm fragen. Die Seelenverfassung der Menschen, die Haider vorfindet, ist aber sehr wohl, und zwar total, vom wirklich Politischen bestimmt, d.h. eben nicht vom Herumgehopse im Parlament und von Parteiaussendungen, sondern von der grundsätzlichen Stellung der Menschen zueinander in dieser Gesellschaft, die ganz auf Betrug aufgebaut ist.

Da geht's den meisten Haider-Gegnern nicht anders als den Haider-Wählern. Erstere sind, wie könnte es anders sein, genauso verbogen und verbeult wie die letzteren. Auch den Haider-Gegnern machen die Zustände Angst, auch sie vermögen ihr nicht dort gegenüberzutreten, wo sie entsteht, auch sie müssen sie wohin verlagern, wo sie gesellschaftsfähig ist. jetzt, wo man nicht mehr soviel Angst in Angst vor dem Wettrüsten und vor dem Waldsterben ummünzen kann, wo auch in die Angst vor Mochovce und Kosloduj nicht genug Angst von der vielen Angst, die da ist, hineingeht, kommt die Angst vor Haider wie gerufen. Wir Haiderwähler und Nichthaiderwähler unterscheiden uns nur darin, wohin wir unsere echte Angst künstlich hineinstecken, nicht darin, wo sie herkommt. Welch ungeheuren Kräfte der Veränderung hier wie dort gebunden sind, an hintertupfingsten Nebenfronten, an denen wir allesamt nicht für uns kämpfen!

 

Die Angst vor Haider wäre nicht so groß, wäre sie nicht auch vom Markt entdeckt worden. Während z.B. Zeitungen wie Profil oder Standard Umsatz machen, indem sie diese Angst schüren, macht z.B. die Kronenzeitung Umsatz damit, daß sie die Ängste schürt, die Haider schürt. Das Projekt News wurde von vornherein so angelegt, daß der schnelle Aufstieg zur Geldmühle unausweichlich war: Das Blatt setzt gleichermaßen auf die Angst vor Haider wie auf die von Haider angefachte z.B. vor Menschen ohne grünen Reisepaß. (Mehr dazu im letzten Heft.) Wenn News titelt: "Angst vor Haider", so werden in raffiniertester Weise beide Seiten bedient, die Haiderwähler und die Haidernichtwähler, die, die den Bonzen Angst vor Haider wünschen, und die, die selber Angst vor Haider haben. Die käuflichen Medien bedürfen der Schockartikel, um ihre Anzeigen-Seiten verkaufen zu können. Angstmache zieht Trostsuche im Konsum nach sich. News und Co. geben's heiß-kalt: "Der Haider-Clan" / Rover-Auto,werbung / "Wie der F-Chef seine Regierung plant" / Philippe Charriol-Luxusuhrenwerbung / "Haider läuft Amok" / Jack Daniel's Tennessee Whiskey / "Jörg Haider: Die Kampfansage" / Get The Real Taste - Memphis lights / "So will Haider Kanzler werden" / Cerruti 1881 pour homme usw.Auch außerhalb der Magazine dient die allgemeine Vorspiegelung einer angstmachenden Situation der gewünschten Abdrängung in vermehrten Konsum. Der Markt braucht die Gefahr Haider als Stimulans. Das heißt, es muß ständig an seiner griffigen Gefährlichkeit gebaut werden.

 

Wie funktioniert Haider?

 

Er bietet dir und mir an, uns in ihm wiederzuerkennen. Dazu steigt er immer wieder ganz tief herab, macht sich klein wie die kleingemachten Leuten, indem er sich als rundum Verfolgter darstellt. Wie wenige seiner möglichen Wählerinnen und Wähler haben nicht allen Grund, sich als Opfer zu sehen! Wie sollten die ständig wirklich Abgekanzelten, Angeschütteten, Angegriffenen nicht in einem, der sich gekonnt als abgekanzelt, angeschüttet, angegriffen präsentiert, einen ihresgleichen erkennen wollen! Er werde verteufelt, verleumdet, beschimpft, behindert, welche Frau, welcher Mann wird das auf dem Arbeitsmarkt oder auf dem Arbeitslosenmarkt nicht! Immer wieder macht sich Haider in Worten den Menschen gleich, die Anfeindungen, Aggressionen und Attacken ausgesetzt sind. Immer wieder geht er dorthin die Leute abholen, wo sie sind. So selbstverständlich das klingt, was er tut, so einzigartig ist er damit. Kein Vranitzky und keine Petrovic, kein Schüssel und keine Schmidt macht sich so klein. Wenn er sich selbst als Opfer bejammert (Hetzjagd!", "Freiwild!", "Hinrichtung!') so lädt er damit alle wirklichen Opfer ein, mitzukommen. (Das Einladen ist hier nicht unbedingt nur als freundliches Zusichbitten, sondern schon auch wörtlich als das Einladen zum Zwecke des Verfrachtens zu verstehen.) Indem sich Haider als Ausgegrenzter zu den wirklich Ausgegrenzten stellt, bietet er diesen die Möglichkeit, sich neben ihn zu stellen, wo er glänzend sich durchsetzt gegen alle Diffamierungen und Stigmatisierungen. Unsere Schmach ist seine Schmach, sein Erfolg ist unser Erfolg. In einer Schrift der FPÖ heißt es, das "Feindbild Haider" bedeute "die Stigmatisierung der FPÖ und ihrer Wähler" (FBW-Information, 5/93).Und Haider selbst, der in irgendeiner Sache der Mitschuld geziehen wurde, sagt in seiner groß in Szene gesetzten Grundsatzerklärung vor 700 Zuhörern in der Wiener Börse: "Nun: Hier wird mir - und ich bin nichts anderes als das Symbol für euch ... Mitschuld unterstellt." (7.3.95) Wenn er wie wir ist, sind wir wie er.

Dann ist sein schneller Aufstieg vom Niemand zum Star unserer. Die Haiderwähler und die möglichen Haiderwähler, vom Kapitalismus allesamt in unzählige aussichtslose Konkurrenzen gehetzt, jeder gegen jeden (jung gegen alt, schnell gegen langsam, Männer gegen Frauen, billig gegen teuer usw.), können hier endlich einmal eine Konkurrenz lustvoll erleben, mit dem besseren Ende für sich. Wundert's dich, daß in einem System, das acht Millionen Franz-Klammer-Fans zu produzieren sich abgemüht hat, jetzt viele auf den "Siegertyp" Haider abfahren? Hier wie dort haben viele Leute, die nie gewinnen, das Gefühl, gewonnen zu haben, wenn er gewonnen hat. Uns allen ist der kapitalistische Traum, daß "jeder es schaffen kann", wie ins Hirn implantiert. So gründlich der Alltag mit diesen Flausen aufräumt, Haider, der die FPÖ von ganz unten, von dort, wo die meisten sind, von etwas über zwei Prozent auf etwas über zwanzig Prozent gebracht hat, macht ihn für uns doch noch wahr. Sein Aufstieg vom Schuhmacherbübl zum Eigentümer von 1500 Hektar Privatwäldern hält den Zulauf, den er an Habenichtsen hat, nicht auf. Im Gegenteil. Penthouse-Wohnung und Porsche werden sogar als Beweis gebraucht, daß wir uns wirklich gegen die Widrigkeiten durchgesetzt haben. Als Haider begriffen hat, daß die niedergedrückten Menschen nicht so sein wollen, wie sie sind, sondern groß und stark, hat er die volkstümliche Pfeife, auf die er zuerst gesetzt hat, beiseite gelegt. jetzt inszeniert er sich nicht mehr als den, der so ist, wie die normalen Leute sind, sondern als den, der so ist, wie die normalen Leute sein möchten: mutig, zäh, athletisch. An sich müßte es ein Hindernis sein, den Kämpfer darzustellen, wenn man so klein und schwach gebaut ist wie er. Aber offenbar signalisieren gerade diese Voraussetzungen den kleinen und schwachen Anhängern die Erreichbarkeit des hohen Ziels: Das alles, was sie nie erreichen können, können sie erreichen, wenn sie aufgehen in ihm.

 

Rache

 

Die Verhältnisse sind zum Dreinhauen, keine Frage. 57M2-Spannteppichbodenfläche zum Wohnen, E 249 und E 1422 zum Fressen. Die in der Wohnbatterie zwischen links und rechts und im Bürogebäude zwischen vorn und hinten wahrlich Eingeklemmten sehen keine Möglichkeit, die Dinge zu ändern (außer mit Rubbeln). Sie wissen nicht einmal, daß es eine geben können könnte, dank Abrichtung durch den Kindergarten des Systems, die Schulen des Systems, die Kirche des Systems, die Zeitungen des Systems, das Fernsehen des Systems, die politische Propaganda des Systems usw. Weil sie keinen Anfang wissen, die Verhältnisse zu ändern, bläht sich der Wunsch ins Unermeßliche auf, sich an den Verhältnissen zu rächen (und das heißt: an den Personen, die nach der öffentlichen Meinung für diese Verhältnisse stehen).

Das ist Haiders Angebot. "Er gibt ihnen Saures!" Ein kleiner Wiener FPÖler sagt im Film "Die Wahlkämpfer" (Österreich, 1993), daß es ihn "tierisch freut", wenn Haider "die Leute in den Hintern beißt und sie wirklich quält". Ach, könnten sie ihrem Abteilungsleiter oder ihrem Firmenchef in den Hintern beißen und ihn wirklich quälen! Ach, hätten sie keinen Abteilungsleiter und keinen Firmenchef! So beißt also Haider stellvertretend in einen stellvertretenden Hintern. Angesichts der enormen Wut, die da ist, muß man sagen, hält sich Haider sogar stark zurück ("dumm", "blöd", "schwachsinnig"). Die Leute erfreuen sich auch gar nicht an seinen Wortschöpfungen, sondern an den Wirkungen, die sie auslösen. Sie wählen Haider nicht, weil er die Beschäftigungspolitik der Nazis gelobt hat, sondern weil er damit die "Bonzen" gezwiefelt hat. Die Verletzten wollen verletzen. Sie wählen zufleiß ihn, weil sie damit die Regierenden am meisten ärgern können! Die Qual, die sie den Oberen so einmal bereiten können, ist ja am Bildschirm fast zu greifen. Es geht den Kaputtgemachten gar nicht darum, daß Haider ihr Leben besser macht, sondern nur noch darum, daß er das Leben anderer schlechter macht. So verpatzt sind die Leute.

Die Bindung der Haiderwähler an Haider wächst unter diesen katastrophalen Bedingungen mit jedem lustvollen Erfolg und mit jedem schmerzlichen Mißerfolg, den er ihnen beschert. Die, die in diesem System ständig die Trotteln sind, wollen nicht, wie eine junge Wiener Haiderwählerin sagt, wenn sie "die FPÖ wählen, von den anderen Parteien als Trotteln hingestellt werden. Im Bekanntenkreis sagen viele, wir werden alles organisieren, daß die noch stärker werden, weil wir lassen uns nicht so abschasseln." (Profil, 20.3.95) Sie sagen sich: Sie sind gegen uns, weil wir für ihn sind. Umgekehrt ließ Haider sich 1994 landesweit mit dem Slogan aufkleben: "Sie sind gegen ihn, weil er für Euch ist." So gehen Haiders Wähler mit Haut und Haar in ihm auf und haben schließlich das trügerische Gefühl, sich selber zu wählen, wenn sie ihn wählen. Sie sind in der momentanen Phase regelrecht in ihn verknallt. Was ihm angetan wird, wird ihnen angetan, was er schafft, das ist, als schafften sie es. Haider hat immer schon abgezielt auf dieses Bedürfnis der Niedergehaltenen, eins zu werden mit einem Ideal, das sich was traut, das sagt, was es denkt. Kärntner Landtagswahlen 1984: "Der traut sich was, der Jörg" Nationalratswahlen 1994: "Er sagt, was wir denken." In der gegenwärtigen Vergafftheit in Haider ist dieser der glorifizierte Übermensch, der in allem, was er sagt und tut, recht hat. So wenig ihn jemand wählt wegen seines angeblichen 47-Punkte-Wirtschaftsprogramms, so wenig ist derzeit ein Haiderwähler oder eine Haiderwählerin mit Argumenten von ihm abzubringen. Aber der Kollaps kommt. Die Verzückung steht auf Beinen, die nicht halten können. Man denke daran, wie blitzschnell die Begeisterung der Fußball-Fans vor dem Fernseher in sich zusammenkracht, wenn Österreich in der 89. Minute das entscheidende Gegentor bekommt. Neben der Lust daran, daß sie gewinnen, harrt ständig die Lust daran, daß sie verlieren, sonst könnte die abgrundtiefe Verachtung für das eben noch angefeuerte Team nicht so schnell bei der Hand sein: "Recht geschieht ihnen!", 'Wenn sie so deppert tun ... !", "Eiergoali!". So muß es mit Haider sein. Wenn er strauchelt, wird die Häme seiner Wähler maßlos sein. Dann werden sie ihn "Großmaul!" schimpfen, "Angeber!", "Blaue Sau!", "Haider-Oasch!" Wenn der große Verdrescher, über den sich heute viele freuen, selbst verdroschen werden wird, werden sich viele von denen wieder tierisch freuen. "Warst nit aufigstiegn, warst nit obagfalln!" Neben der noch alles überstrahlenden, großen, lustvollen Übereinstimmung sitzt schon sprungbereit die Distanzierung und wartet auf ihren nicht minder großen, nicht minder lustvollen Auftritt. Das heißt, die momentane Begeisterung ist nicht ganz echt. Haiders Wähler vermögen sich von ihm zu trennen.

 

Woher nimmt Haider die Fähigkeit zum Haider?

 

Warum erwischt er die Haiderwähler so treffsicher am wunden Punkt? Weil er an der selben Stelle selber einen großen schmerzenden Pletzn hat. Er braucht nicht nach Anleitung vorzugehen, braucht gar nicht einmal zu wissen, wie was (siehe oben) funktioniert, er kann, wenn er aus sich schöpft, aus dem vollen schöpfen. Er kann, wie der deutsche Sozialforscher Theodor W. Adorno in anderem Zusammenhang festgestellt hat, "die seelischen Bedürfnisse und Wünsche der für seine Propaganda Anfälligen erraten, weil er ihnen seelisch ähnlich ist, und was ihn von ihnen unterscheidet, ist nicht irgend eine echte Überlegenheit, sondern die Fähigkeit, das, was in ihnen latent (= verborgen) ist, ohne ihre Hemmungen auszudrücken." Was Haider an die Spitze seiner Anhängerinnen und Anhänger stellt, ist sein unbezwingbarer Drang, sein Inneres nach außen zu wenden und seine Mackn vor unser aller Augen zu kurieren. Viele der Schmähungen, mit denen er seine Gegner ("Blender", "Streithahn", "Problemkind") eindeckt, hat er nur deswegen so schnell bei der Hand, weil er sich nur selbst zu beschreiben braucht. So können eigene Mängel ausgelagert und umso vehementer im Feind bekämpft werden ("schamlos", "rücksichtslos", "großspurig", "doppelbödig", "unlauter", "unseriös", "unredlich", "mies", scheinheilig"). Für einen Psychologen muß jede öffentliche Sprech-Stunde Haiders die reinste Offenbarung sein. Seine Defekte, gepaart mit seinem Sprechzwang, sind sein politisches Kapital. Der Haider, den er uns täglich vorführt, der steckt der Ganze in ihm selber drin. Da ist nichts Aufgesetztes (da kann daher auch nichts abgenommen werden). Nachspielen könnte man das alles gar nicht in dieser Qualität. Die großen Geldleute, die hinter ihm stehen (siehe voriges Heft), könnten das selber nie leisten, auch bei doppelthoher Investition nicht. So wild er um sich schlägt, so beschädigt ist er. W. Scheutz, ein ehemaliger Mitschüler Haiders in Bad Goisern schildert ihn als "dicken, klanen Bua mit Komplexen" (Basta, 10/90).Weil alle Matzen auf seiner Seele echt sind, sind auch seine Reflexe darauf echt, in seinem Aufschrei hören sich sehr viele Menschen selber aufschreien. Darin, wie er auf seine eigenen starken Minderwertigkeitsgefühle reagiert, empfinden viele der zu Nähmaschinen und zu Mischmaschinen Entwerteten Erleichterung.

Natürlich kann Haider nach zwanzig Jahren Politik in dieser Form sehr genau abschätzen, bei welchen psychischen Defekten ihm die quasi öffentliche Therapie am meisten Anhang bringt. Was er seit Jahren bietet, ist demzufolge eine Auswahl der absoluten Renner. Nicht nur die tief verletzten Haiderwähler wollen verletzen, auch er.Es bedeutet ihm keine Überwindung, es ist ihm Befriedigung. Er tut es nicht, weil er damit Erfolg hat. Er hat Erfolg damit, weil er es tut. So gesehen ist er auch kein politischer Opportunist. Opportunist ist der Spitzenpolitiker J. Haider nur insofern, als er ein Mitglied dieses Systems ist, in dem Opportunismus ein Grundprinzip ist: Rainhard Fendrich ist ein glänzender Opportunist, der genau das singt, was er meint, daß die Leute hören wollen. News ist das reinste Opportunistenblattl, das - soweit es sich ausrechnen läßt - genau das bringt, was es glaubt, daß viele lesen wollen. Oetker ist ein vollkommen opportunistischer Puddingpulverfabrikant. Im Kapitalismus ist jeder ein Opportunist - des Marktes. Der Unternehmer, der herstellen läßt, was sich verkaufen läßt, der Arbeiter, der die Arbeit macht, die auf dem Markt gefragt ist und nicht die seinen Bedürfnissen entsprechende. Jedes Schulkind lernt, sich so zu verhalten, wie es von ihm erwartet wird. Opportunismus charakterisiert die Beziehungen der Menschen zueinander unter dem Diktat des Geldes.

Auch als, sagen wir, kleiner Rechtsanwalt in Gmunden, würde Haider umfallen, so oft es nothätte, seelisch. Auch dort würde er sich vom Bezirksrichter und von seinen Anwaltskollegen verfolgt fühlen, als wären es Einem oder Scholten. Sein Größenwahn, der ihn schon zum Vergleich mit Jesus getrieben hat, würde ihm auch dort arg zusetzen. Wie kaputt, wie komplexbeladen muß jemand sein, der sich mit 45 auf 28 herunterfrisieren muß, sich an goldene Armketteln hängt und an 100.000-Schilling-Uhren anbindet! Wie gehemmt muß so einer hinter all dem sein, wenn er soviel äußeren Halt nötig hat! Aber in seiner schamlosen Selbstvergötzung ist Platz für die Sehnsüchte von Millionen Menschen, deren Selbstwertgefühl von den Verhältnissen zertreten ist. Indem er seine Defizite ausbeutet, kann er die Defizite der Massen ausbeuten. Haider ist psychisch klein und schwach, das macht ihn politisch groß und stark. Ein Beispiel: Wie unsicher muß einer sein (bei allem Bungee-Jumping) hinter seiner blankgeputzten Fassade aus ausgewechselten Zähnen, um in einem fort das Thema Sicherheit (Kriminalität, Exekutive, Terrorismus, Ausländer, NATO, Berufsheer, ...) so überzeugt von innen heraus ("Bandenwesen!", "Triebtäter!", "Schnellrichtersystem!", NATO-Atomwaffen für Österreich!") spielen zu können! Ein anderes Beispiel: Er hat, von welchem Knacks immer das herrühren und wie immer das pyschologisch zu deuten sein mag, einen Sauberkeitsfimmel, der sich gewaschen hat. Schaut, wie bis in die Nasenlöcher hinauf geschniegelt und gebonert er ist, absolut klinisch keimfrei gemacht durch dreimaliges Duschen täglich, zu fünf verschiedenen Anlässen fünfmal frisch herausgeputzt in jeweils tiefenreinem Aufzug. Nocheinmal, dieser Tick würde ihm auch schwer zu schaffen machen, wenn er immer noch Universitätslehrer wäre. Aber er würde seine krankhafte Schmutz-Aversion nicht öffentlich zelebrieren. Sein Problem müßte nicht umschlagen in österreichische Innenpolitik, wo er überall Schmutz, Dreck, Mist, Schutt, Sumpf sieht, ihn überall das zwanghafte Bedürfnis nach Sauberkeit, Aufräumen, Ordnung machen, Ausmisten treibt. Haider plündert sich selber völlig aus und liegt mit dem, was er da zutage fördert, in diesem System goldrichtig. Auch die Werbung übt ja einen immer heftigeren Sauberkeits­Terror auf die Menschen aus ('Porentief sauber!", "Mehr als nur rein!", "So sauber, daß man davon essen könnte!"). je tiefer wir real im Sumpf des Kapitalismus versinken, desto erfolgreicher wird sie damit. Im politischen Geschäft wird aus dem Kampf gegen Schmutzschatten auf Hemdkrägen der gegen Wohnungslose, Arbeitslose, Heimatlose usw.

 

Weil Haider so lädiert ist, ist er so rasend aktiv. Seine Seelenbeulen sind im Trend. Millionen haben Dellen an den gleichen Stellen. Die wirkliche Lösung kann nur darin bestehen, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch (der Mensch Haider, der Mensch Haiderwähler und der Mensch Nichthaiderwähler) ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.

 

Die Inszenierung

 

Was er aus den tiefsten Tiefen seiner ramponierten Psyche herausholt (im wahrsten Sinn des Wortes notgedrungen), ist seine einzige originale Zutat zur gegenwärtigen Attraktion Haider. Der ganze große Rest ist geliehen und gestohlen. Davon handelt der folgende Abschnitt.

Haider haßt den Haider, der er ist. Mit dem will er nichts zu tun haben. Damit er an den nicht ständig erinnert wird, wenn er in den Spiegel schaut, hat er dem ein fremdes Gebiß einbauen lassen. Um körperlich über ihn hinauszuwachsen, geht er regelmäßig ins Fitness-Zentrum. Schaut ihn euch an, wie er sich vor sich versteckt! Es sind das Identitätsprobleme, wie sie unter dem Kapitalismus viele Menschen haben. Sie sind dazu verdammt, sich aus den hungerten Versatzstücken, die der Markt bereit hält, ein Wunschbild von sich ("Ihre Haut sieht jünger aus!", "Natürlich ist das meine Haarfarbe!") zusammenzubasteln. Der vor sich selber auf der Flucht ist, braucht ständig wechselnde Verkleidungen, damit er sich entwischen kann. (Da er beim Davonlaufen vor sich selbst sich freilich überallhin mitnimmt, muß er versuchen, schneller vor sich davonzulaufen.) 

Wer sich über Äußeres definieren muß, wird nach Äußerem suchen. Haider ist ein Getriebener. Weil er nicht er selber sein kann, nichts (wörtlich:) aus sich machen kann, ist er wehrlos völlig dem ausgeliefert, was es schon gibt. Weil er nur am falschen Orte suchen kann, kann er nie etwas Neues finden können. Die hundert Sachen, mit denen Haider auf der Flucht vor sich selber durch die politische Landschaft hetzt, bald da, bald dort nach einem Fetzen grapschend, der ihn herausputzen soll, sind hundert gestohlene Sachen.

 

Der Nach-F-er

 

Haider selber gibt es gar nicht. Er ist nur nocheinmal das, was ohnehin schon ist. Das Österreich zuerst hat er von Thomas Klestil, der es von Alois Mock hat, und die Dritte Republik hat er von Andreas Khol, der sie von der Steirischen ÖVP hat. Angefüllt hat er die hohle Phrase mit Bestimmungen aus der Schweizer Verfassung. Wenn Haider braun ist, dann ist er braun vor allem vom Abkupfern. Die Bewegung hat er begrifflich von der SPÖ gestohlen und inhaltlich von Berlusconi, bei dem er gleich auch die Regierung der Fachleute hat mitgehen lassen. Er kann nicht anders. Als er das Bündnis 90 von Demokratischem Forum und Grünen in Deutschland gesehen hat, hat er ebenso unwillkürlich zulangen rnüssen (Bündnis 98) wie bei der Mißgeburt Österreich, die er bei Adolf Hitler entdeckt hat. Er bedient sich politisch links und rechts, zeitlich vorn und hinten. Die Freiheit, die ich meine hat er dem deutschen Freiheitsdichter Max von Schenkendorf (1783 - 1817) durch, während er die Aktiv-Card der Bündnisbürger dem CA-Jugend-Service stibitzt hat. F wie fladern, das bei Haider großgeschrieben wird. Dem Kreisky, der 1969/70 von 1400 Experten ein Regierungsprogramm erstellen ließ, hat er seine 1000 Experten gepfost, die ihm den Vertrag mit Österreich aufsetzen sollen, den er dem Sprecher der Republikaner im US­Repräsentantenhaus, Newt Gingrich, ("Vertrag mit Amerika") gestohlen hat. Wenn er sein Konzept "Dritte Republik", wie er ankündigt, fortan "Mehr Demokratie wagen" nennen will, so hat er diesen Begriff dem Willy Brandt entwendet. Es ist alles schon da, was er erst bringt. Zwischendurch äfft sich der Nach-F-er selber nach, etwa, wenn er sich in einem Wahl-Clip im Oktober 1995 als Schutzpatron der Österreicher bezeichnet, was er schon im Oktober 1993 getan hat. Das Jeanshemd, in dem sich Haider 1994 österreichweit plakatiert hat, hat er B. Clinton vom Leib gerissen, der sich darin im US-Wahlkampf 1992 im "Rolling Stone" groß präsentiert hat. Und von welchem Beutezug stammt der blaue Schal? Handelt es sich um die Stola des Pfarrers von Feistritz oder um den Halsschmuck eines Fans von Austria Memphis? (Nein, sagt A. Kordesch, ehemaliger österreichischer Staatsmeister der Magie und nochmaliger Kärntner FP-Geschäftsführer: "Der blaue Schal vom Jörg, das war meine Erfindung." - Kärntner Kleine Zeitung, 29.3.90) Haider, in seine zusammengefladerten Bauteile auseinandergenommen, bleibt gar nicht mehr übrig. Und soll gefährlich sein? Weil die amerikanischen Präsidenten durch den Wahlkampf joggen, joggte er 1994 durch sein Wahlkampf- Video ("Ein Mann geht seinen Weg"), ein Wahlwerbemittel, das er auch in den USA geklaut hat. Wenn die ÖVP, wie Haider sagt, eine "Kopiermaschine" ist, dann ist die FPÖ eine einzige Blaupauseanstalt. Davon, wie er sich beim US-amerikanischen Trendforscher J. Nashbit bedient und beim Philosophen K. Popper, wie er sich von Vaclav Havel ein Stück herunterschneidet und eines von Viktor Frankl, wollen wir hier gar nicht reden, noch weniger, wie er ohne Genierer Ingeborg Bachmann oder Rosa Luxemburg herbeizitiert, um seine "Grundsatzerklärungen" aufzubessern. Um Haider vorwerfen zu können, er stehle, müßte man ja in der Lage sein, sich vorzustellen, er könnte auch nicht stehlen. Haider, der ständig davon redet, wie sich andere bereichern, woher hat der seine Wut auf Diebe? Steckt bei ihm, der z.B. im Fernsehen am 21.9.94 erstmals ein Taferl mit Aktivbezug und Pensionsanspruch des steirischen AK-Direktors Zacharias herauszieht (und damit die TV-Konfrontation mit Vranitzky und die nachfolgenden Wahlen gewinnt), vielleicht gar Selbsthaß des Diebes dahinter? Das besagte Taferl jedenfalls hat er dem US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Ross Perot abgejagt, der es zwei Jahre zuvor erstmals in seinen TV-Auftritten eingesetzt hat.

Bekanntlich kehrt der Täter immer wieder zum Tatort zurück. So hat sich Haider zuletzt innerhalb von nur 12 Monaten dreimal in den USA umgetan. Was ihm die Show-Politik dort vorhüpft, F-t er hier nach. "Weil es keine Schande ist, für uns das abzukupfern, was dort gut ist." (News, 17.8.95) Die FPÖ hat in zwei Dutzend Ländern sogenannte "Freundschaftsgruppen" eingerichtet.

Während die "Freundschaftsgruppe" mit Ägypten etwa von der Abgeordneten Ute Apfelbeck geführt wird und die mit Ungarn vom Abgeordneten Gerulf Murer, leitet jene mit "Amerika" Jörg Haider höchstpersönlich. Auf die Trends dort hatte er es schon spitz, als er seine Generalsekretärin Heide Schmidt zur Ausbildung in ein zweimonatiges Politseminar in den USA gesteckt hat. "Natürlich interessiere ich mich auch für die neuen Tendenzen in den USA", sagt Haider (Frankfurter Hefte 7/95), weil "man nicht alles, was gut ist, selbst erfinden muß" (Kurier, 21.5.95). Sein begehrlicher Blick fällt da z.B. auf das radikale Konzept der Republikaner für einen Verwaltungsabbau ("lean government") und vor allem auf die sogenannten Denkfabriken (think-tanks), wie er sich eine in Wien nachbauen möchte (Standard, 20.10.94). Weil es in diesen Häusern, wo darüber gebrütet wird, wie die Macht des Geldes über die Welt gefestigt werden kann, immer etwas abzustauben gibt, werden die führenden US-"Denkfabriken" von Haider immer wieder heimgesucht. Im Juni 1994 war er im Cato Institute und im Hudson Institute, im Dezember 1994 hat er sich in die Heritage Foundation eingeschlichen, und im Mai 1995 hat er nacheinander Rand Corporation, Cato Institute und Heritage Foundation einen "Besuch" abgestattet.

So hetzt Haider, man muß sagen paniscb, aber man nennt es wohl dynamisch, von Ostküste zu Westküste, immer unterwegs mit begehrlichem Blick, in Los Angeles und in Washington (1995), am Broadway und im Pentagon (1994). Seine häufigen US-Touren lohnen sich doppelt, weil das Auftreten im Ausland eine höhere Aufmerksamkeit im Inland garantiert, vor allem aber, weil er noch immer mit vollem Gepäck von diesen Beutezügen zurückgekommen ist. Zuletzt hatte er darin zum Beispiel die ganze Vorwahlbewegung, mit der er in die nächsten Wahlen gehen will, mit allem, was man dazu braucht: Wahlkonvent, Wahlkreiskonvent, Landeswahlkonvent, Bundeswahlkonvent, Konventkarte, Wahlfrau/Wahlmann usw. Da wimmelt's nur so von Pools und Boards und Cards. "Der politische Schneeballeffekt dieser Vorwahlbewegung in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung ist enorm", liest man in einem internen FPÖ-Schreiben, "und mit den Auswirkungen der 'primaries' in den ersten Bundesstaaten bei den Präsidentenwahlen in den USA zu vergleichen." Die FPÖ als Recyclingbetrieb. Und was da alles hereinkommt! Kein Wunder, daß die alte Bude fast total ausgeräumt werden mußte. Nebst diesem Schrott aus den Vereinigten Staaten wird jede Menge Blech aus Italien angekarrt. So soll aus den politischen Fan-Clubs von Silvio Berlusconis Forza Italia Haiders Bürgerbewegung 1998 gebastelt werden. Eingebaut werden sollen dabei auch ein paar Trümmer von der Lega-Bewegung und ein paar achtlos weggeworfene Stücke der SPÖ. Recycler Haider: "Wir haben ein großes historisches Vorbild: das ist die Sozialdemokratie, die sich doch immer als Bewegung und weniger als Partei verstanden hat. (... ) Die Oppositionsphase der Sozialdemokratie von 1966 bis 1970 ist, wenn ich ehrlich bin, für uns in vielfacher Weise ein Vorbild." (Frankfurter Hefte 7/95)

 

Die FPÖ ist in zwei Jahren fulminanten Wählerzustroms z.B. in Salzburg um ganze 77 und im Burgenland um ganze 78 neue Mitglieder gewachsen (Tätigkeitsbericht 1992 - 1994), krebst bei einer Stimmenzahl von 1 Million noch immer bei einem Mitgliederstand von 43.000 herum. Es fehlt fester Boden. Man hat keine Namen und Anschriften der Leute, die einen wählen. jetzt soll die Partei außerhalb der Partei, dort wo die Leute sind, neu auf­gebaut werden. Man will einen Info-Kreis um die Haiderwähler ziehen, um so wenigstens ihre Postadresse zu erfahren, sie sodann in einen Aktiv-Kreis zusammendrängen, von wo aus sie mittels Partei-Karte in das Zentrum der "Bürgerbewegung 1998" gelockt werden sollen. Möglich, daß dieser ganze Plunder schon demnächst aufgrund von überwältigendem Desinteresse wieder eingestampft wird. Haider, der weniger dem Volk aufs Maul schaut als auf Marktforschung hört, wollte ja auch einmal die FPÖ abschaffen, "weil der Begriff Partei kein Werbeträger mehr ist. Partei ist heute werblich nicht mehr zu brauchen." (Kleine Zeitung, 19.10.94) Der Haider-Diktator, das ist der Markt. Wenn Umfragen der ÖVP- und SPÖ-nahen Meinungsforscher ergeben, daß der Nationalstolz in Österreich besonders ausgeprägt ist, will Haider die FP umgehend "neu positionieren" und zu einer "österreichischen politischen Bewegung" machen mit einem "starken Bekenntnis zu Österreich" (TT 17.8.95). In eigenen Erhebungen mittels Fragebögen wird z.B. von der Wiener FPÖ auszukundschaften versucht, "ob aus der Diskussion um die Ausländergesetze die Luft draußen ist". (R.Pawkowicz im Standard, 19.6.95) Ganz klar, daß sich die FPÖ immer auf jene Begriffe stürzt, die in der Marktuntersuchung als die "am meisten sympathischen Begriffe" erhoben werden: "Heimat", "Sicherheit", "Ordnung" (IMAS-Instiut – TT,26.8.95) Im Standard bescheinigt sogar ÖVP-Meinungsforscher P. Ulram fast bewundernd Haider 'großes Talent im Umgang mit Umfragedaten' (31.8.95).

 

Alles ist ausgetüftelt, auch wenn manchmal stark danebengetüf­telt wird. Haiders Strategie war, könnte man sagen, angelehnt an die der Bundesländer-Versicherung. Punkt eins ist, sich mit welchen Mitteln auch immer einen hohen Bekanntheitsgrad auf dem Markt zu erstreiten. Was der Bundesländer-Versicherung mit ihrem berühmten Bundesländer-Skandal passiert ist, hat sich Haider mit kalkulierten Nazisprüchen selbst errackern müssen. Punkt zwei ist, wie das neue Versicherungs-Direktorium damals sagte, den erworbenen hohen, negativen Bekanntheitsgrad jetzt mit positiven Inhalten zu füllen (Presse, 13.1.87). Darin versucht sich Haider seit geraumer Zeit. Alles läuft nach auf dem Markt bereits erprobten Konzepten. Dazu gehört auch die Skrupellosigkeit, gleichzeitig einander absolut widersprechende Forderungen aufzustellen, denn das "sichert einen Vorsprung gegenüber den beiden Regierungsfraktionen", wie Haider-Vize N. Gugerbauer einmal sagte. "Ich glaube, daß diese unterschiedlichen Positionen dynamisierend wirken." (MOZ, 1/89) Es ist kaufmännisches Prinzip der FPÖ, die Menschen so zu verwirren, daß sie nicht mehr wissen, wo vorne und wo hinten ist. Oh heilige Einfalt, den Marktstrategen Haider mit Argumenten überzeugen oder der Unredlichkeit überführen zu wollen! Als ob man ihn verbessern müßte! Er weiß, was er tut. jeder Umfaller ist vorgesehen (1992 für EU / 1994 gegen EU, 1985 für Atom / 1994 gegen Atom, 1989 für Neutralität / 1991 gegen Neutralität, 1987 gegen Verstaatlichte / 1995 für Verstaatlichte, 1986 gegen Thomas Bernhard / 1995 für Thomas Bernhard). Wenn er meint, eine Audienz beim Papst haben zu müssen, verschafft er sich eine Audienz beim Papst (1993), und wenn er einen Besuch im Holocaust-Museum braucht, geht er, ferngesteuert wie er ist, ins Holocaust-Museum (1994).

Der Weg auf den Markt ist schmal: ein Strich. Sie gehen ihn alle, die etwas zu verklopfen haben. Wie oft ist OMO umgefallen (blaues Pulver, flüssig, Megaperls)! Ist nicht Vranitzky 1986, als er Kanzler geworden ist, wieder flugs in die Kirche eingetreten? Mit welchen gezielten Tabu-Brüchen hat sich Benetton nach vorne gepusht! Das Gesetz, das wirklich zählt, ist das Gesetz des Marktes. Punkt. 

 

Schema F

Haider ist immer ein Abklatsch. Bevor er die starken Männer in den USA entdeckt hat, hatte er's mit Franz Josef Strauß. Oder umgekehrt: An Ross Perot und Newt Gingrich klammerte er sich an, als ihm das Vorbild aus Bayern in der Erinnerung verblaßt war. Nicht nur einmal bezeichnete sich Haider "als legitimen Erben des bayerischen Ministerpräsidenten" (Spiegel 11/1992). Gegenüber den Salzburger Nachrichten formulierte er: 'Ich glaube, daß ich in vielen Dingen Parallelitäten aufweisen kann, auch von meinem Denken und meiner Zielsetzung." (28.9.94) Die Sprache überführt ihn hier der bewußten Nachahmung. Er sagt nicht: Es gibt Parallelitäten. Sondern: Ich kann Parallelitäten aufweisen. Das heißt, daß es ihm darum zu tun ist. Haider ist nie Haider. Immer jemand anderer. Aber den Strauß hat er gut drauf. Der Journalist J. Gross beschrieb bereits vor 30 Jahren, wie sich dieser gerne als Opfer, als von allen Verfolgter, präsentiere: "Alle seien gegen ihn - die Russen, die Amerikaner, die Liberalen, die Sozialisten, die norddeutschen Protestanten, der hohe katholische Klerus usw. usw." Da kann Haider leicht Parallelitäten aufwei­sen. Strauß 1979: "Der KGB oder andere kommunistische Geheimdienste veranlassen - wie inzwischen unwiderlegbar bewiesen ist - Hakenkreuz-Schmierereien auf jüdischen Friedhöfen bei uns." (Deutschland-Magazin, 8/79) Haider stellte 1993 ausländische Geheimdienste" und "Ex-Stasi-Leute" als tatverdächtig für die Briefbomben hin (Neue Freie Zeitung, 22.12.93). Den Hakenkreuzschmierer W. Köhler auf dem jüdischen Friedhof in Eisenstadt verwies er gekonnt in die "linksextreme Szene". (Neue Freie Zeitung, 2.2.94) Selbst Haiders vielgefürchteter Natio­nalismus ist plumpe Nachäfferei des F. J. Strauß: "Man muß sich der nationalen Kräfte bedienen, auch wenn sie noch so reaktionär sind - mit Hilfstruppen darf man nicht zimperlich sein!" (Spiegel, 12,11970) Wer, wie Haider, keinen Standpunkt hat, muß sich immerfort anlehnen: "So wie Franz Josef Strauß es definiert hat, 'rechts von mir keine demokratische Alternative', so gilt das auch für mich." (SN, 28.9.94)

Strauß und Haider gleichen einander wie ein Straußen-Ei dem anderen, ein größeres einem kleineren. Lob für die SS da und Lob für die SS dort, Verteufelung der Gegner als Faschisten beim einen wie beim anderen, Attacken auf Künstler damals und Attacken auf Künstler heute. Als Kärntner Landeshauptmann wollte er "einen Freistaat nach bayrischem Vorbild" ausrufen (Standard, 9.1.91). Haider bindet sich geradezu sklavisch an Strauß' Linie. Das geht soweit, daß er gegen die Stimmung in der Bevölkerung offen die NATO-Mitgliedschaft sowie NATO-Atomwaffen und NATO-Truppen in Österreich (Presse, 20.4.95) fordert. Warum tut er das? Weil es ihn voranbringt. Er will international (in Washington, Brüssel, Paris, Bonn) als total verläßlich angesehen werden, er will in der Bundesheerführung punkten, um sich da eine Machtbasis zu schaffen. (Und es ist vor allem ein Signal an das in Österreich tätige große österreichische und internationale Kapital.) Da ist soviel langfristige Strategie dahinter wie bei der Verbündung mit Bischof Krenn, die auch wenig populär ist. Natürlich zerkugeln sich Haider und Rumpold und Meischberger über den Dicken in St. Pölten, wenn sie unter sich sind. Aber von Strauß und Stoiber und Waigel haben sie gelernt, daß der Kapitalismus den Klerus braucht zur ideologischen Festigung seiner brutalen Macht. /Der ist so wichtig wie die Exekutive, die sich Haider ja auch zulegt.) Das Partei-Symbol F steht für Faksimile, laut Duden die "getreue Nachbildung einer Vorlage". Die Vorlage ist z.B. die Aschermittwoch-Veranstaltung von Strauß in Passau. Die getreue Nachbildung ist z.B. die Aschermittwoch-Veranstaltung von Haider in Ried.

So plump wie Haider Strauß kopiert, kopieren nur noch die Haider-Gegner die Strauß-Gegner. Damals gab es Personenkomitees gegen den Kandidaten Strauß. Damals wurde jahrelang sich vor einem Bundeskanzler Strauß gefürchtet. Damals gabs den Vergleich mit Hitler. Damals starrte die sogenannte Linke ge­bannt auf ihren Lieblingsfeind, währenddessen die Sozialdemokraten Rasterfahndung und Lauschangriff verwirklichen konnten. Wer wissen will, was den Haider-Gegnern noch alles (nicht selber) einfallen wird, braucht sich nur die Anti-Strauß-Aktionen zwischen 1970 und 1980 anzusehen.

Wie klein, wie nichtswürdig Haider sich selber vorkommt, verrät er damit, daß er sich immer in große Politiker verknallt. Neben Strauß hatte er sich schon an Helmut Schmidt, Helmut Kohl ('Ich bewundere ihn sehr.") und Eduard Wallnöfer ("Der Walli würde diesmal die FPÖ wählen") herangemacht. Alles mögliche war Haider schon. Nur Haider war er noch nicht. 

 

Wer wen vor sich hertreibt

 

Die Mode bietet im Kapitalismus den vom Kapitalismus zugerichteten Menschen eine Stütze für ihr geschwächtes Selbst. Ob Veloursjacke, Meschen, Handy oder Civic Sport, das Topaktuelle verleiht eine Identität. jene, die hintenaus sind, erkaufen sich das Gefühl, vorne zu sein. Die, denen offensichtlich der Ton angegeben werden kann (noch der Haarfarbton der Saison!), dürfen ganz fest glauben, den Ton anzugeben. Hier finden sie Halt. Freilich so vorläufigen, daß unablässig neuer gesucht werden muß. Zur Freude des Marktes. 

Die FPÖ, die innerlich noch viel weniger Substanz hat als der kaputteste Mensch, ist dem Zeitgeist auf Gedeih und Erwerb ausgeliefert. Wie ein Squashball saust Haider herum, immer auf dem Weg dorthin, wo er hingedroschen wird, oder dorthin, von wo er wo hingedroschen wird. Der, der alle vor sich herzutreiben versprach, wird wie kein zweiter von den Moden des Marktes vor sich hergetrieben. Das hat mit Haiders blutarmem Selbst (siehe oben) zu tun und mit der blutarmen Partei, die er sich so blutarm gemacht hat, daß er Blutarmer sie beherrschen kann. Jemand, der sich von jedem Modeschrei nach vorne befehligen läßt, ist kein Führer, alles eher. Der, dem von jedem Trend als erstem Beine gemacht werden, ist nicht der Schrittmacher.

Mein Gott, haben wir es hier mit viel Außenherum um Nichtsinnendrin zu tun! So wie Wirtschaftsbetriebe sogenannte Personalberatungsbüros mit der Auswahl von geeignetem Führungspersonal betrauen, wollte Haider das auch einmal, Sommermode 1989. Wollte er das? Er wollte, daß man meine, er wolle. Er werde, ließ er die Medien verbreiten, "private Personalberatungsbüros damit beauftragen, Kandidaten für die Listenerstellung von Bundes- und Landeswahlen auszuwählen." (Kurier, 8.7.89) "Jeder wird von einer Managementberatungsfirma auf seine Tauglichkeit als Volksvertreter untersucht." (Kurier, 19.7.89) Es geht darum, Modernität zu signalisieren. So wie das die FPÖ auch mit ihren Parteitagen im Linzer "Design Center" oder im "World Trade Center" in Schwechat machen muß. An ihr ist alles auswendig. Von innen erwachsen kann ihr gar nix. Desto atemloser hetzt sie dem nach, was en vogue ist. Weil Manager in Crash Seminare geschickt werden, Firmen Coachings für ihr Führungspersonal bereitstellen, Öffentlichkeitsarbeit nach dem Prinzip Train the Trainer machen, Präsentationen mit Flip­Chart und Powerpoint gestalten und sich ein Teamdesign verordnen, bietet das Freiheitliche Bildungswerk "Crash-Seminare", "Coachings für Mandatare", Ausbildung in der "Train the Trainer-Öffentlichkeitsarbeit" und in "Präsentationstechnik" mit "Flip-Chart" und "Powerpoint" sowie ein Seminar für "Teamdesign" an. Alles ist von irgendwo hergefingert. FP-Mandatare sollen "Argumentationstechnik", "Kreativitätstechnik" und "politisches Marketing" lernen und damit "optimistisches, überzeugendes charismatisches Auftreten" gewinnen. Entscheidend sind dabei neben "Rhetorik intensiv", "Kommunikationstraining" und "TV- und Medientraining" vor allem der "Machtfaktor Körpersprache" und die "Verbesserung der Beeinflussungskapazität". Womit sollen denn die, die sich mit Haut und Haar der Beeinflussung durch den Markt aussetzen, beeinflussen? Der Begriff marktgängig kennzeichnet die Haider­partei unzureichend. Zutreffender ist sicher: marktläufig. Apro­pos Medien: In einer internen "Informationsschrift für Mitglieder des freiheitlichen Parlamentsklubs", laut Jörg Haiders Vorwort ganz besonders wichtig "für unsere optimale Medienpräsenz", gibt das Referat für Öffentlichkeitsarbeit Tips zur "Themenfindung für mediale Verwertung": "Wir bereiten Ihre Informationen so auf, daß sie für Journalisten zu einem appetitlichen Happen werden." Wichtig ist: "Kontinuität in der Sprache, insbesondere oftmalige Wiederholung kreativer Wortschöpfungen läßt Tatsachen plötzlich in einem anderen Licht erscheinen (Z.B. Altparteien, Privilegiensumpf, "originelle 'Sager' kommen auf Wunsch auch von uns". Usw. Eine üble Führerpartei? Ach, was! Eine üble Schmähführerpartei!

Das sind Hampelmänner, die es bei jedem Zug der Zeit reißt und die daraus das Image zu gewinnen hoffen, besonders quick zu sein.

 

An Haider und seiner Firma ist alles Schein. Alles Spiel. Haider, das ist der Kleinbürger, der in der Politik immer nur spielt, wie Bett Brecht geschrieben hat. Wobei hier unter spielen ausdrücklich eine Rolle spielen, ebenso gemeint ist wie etwas aufs Spiel setzen. "Ich habe mein politisches Leben schon immer mit einem Höchstmaß an Risiko gelebt. Dieses Risiko gehe ich ... voll!" (Haider im Kurier, 19.6.88) Die Parteizeitung der Kärntner FPÖ veröffentlichte zum 40. Geburtstag ihres Vorsitzenden unter dem Titel "Jörg, der Schauspieler" eine Bilderfolge, die ihn in verschiedenen Verkleidungen zeigt: u.a. einmal als Zauberer, einmal als Bayernkönig Ludwig Il. und einmal offenbar als Dollfuß (Kärntner Nachrichten, 25.1.90). Das Profil (16.5.89) weiß, "es habe eine Phase gegeben, wo er ernsthaft überlegte, die Schauspielerei als Beruf zu wählen - 'meine Eltern haben mir das ausgeredet"' (Haider). Von ausgeredet kann wohl nicht die Rede sein.

Haider spielt aber auch Haider. Sehr gern tritt er vor einem Riesenplakat von sich selber auf, bei Pressekonferenzen, bei Kundgebungen, in seinen Werbefilmchen: hinter sich - voluminös aufgeblasen - die Figur, vor ihr der Schauspieler, der sie gibt.

 

Es ist nur folgerichtig, daß der FP eine Werbeagentur angeschlos­sen worden ist, oder müssen wir richtiger sagen, daß die FP einer Werbeagentur angeschlossen worden ist? 1993 wurde im Wiener Handelsregister die "FP-1998 Werbeberatung GesmbH" eingetra­gen mit dem Bundesgeschäftsführer Gernot Rumpold als Geschäftsführer. Ist die FPÖ eine Werbefirma oder ist eine Werbefirma die FPÖ? Es ist übrigens auch ein FPÖ-Funktionär, der jenes derzeit in Tirol tonangebende Werbeunternehmen Handlebesitzt und betreibt, das auch einen guten Teil der Reklamemittel der Tiroler Freiheitlichen gestaltet.

Da denkt man unwillkürlich wieder an Silvio Berlusconi, bei dem seine Werbeagentur Publitalia das Fundament seiner politischen Bewegung Forza Italia darstellt. Übrigens ist auch er, und darauf legt er Wert, "ein gelernter Entertainer". Auch bei ihm werden Kandidaten von Spezialisten nach ihrer Fernsehtauglichkeit ausgesucht. Auch er betreibt Jogging und vermarktet es. Auch er will nach US-Muster Wahlkonvente abziehen, und wie Haider ("... ehe der Hahn das zweite Mal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.") schmeißt auch er mit Messias-Sprüchen um sich ("Wer vom Volk auserwählt ist, ist wie ein Gesalbter des Herrn."). Letzte Information dazu: Die Kandidaten von Forza Italia wollen sich künftig Azzurri (die 'Blauen') nennen.

Bei der FPÖ ist alles Tarnung. Aber nicht, um etwas zu tarnen, sondern um meinen zu machen, hier wäre etwas, was man tarnen könnte. Diese Tarnung ist Tarnung des Nichts. Bei soviel Hohlraum braucht es entsprechend viel außen drumherum. Nachdem Haider schon vor Jahren über den von Italien einstrahlenden Privatsender "Radio Uno" sich mächtig selbst beworben hat, und darauf über den von Italien einstrahlenden parteinahen Privatsender "Radio Freies Europa", ist kürzlich einer Gruppe seiner Partei nahestehender Unternehmer der Einstieg beim Salzburger Kommerzsender "Radio Melody" geglückt (SN, 23.9.95). Angeblich ist die FPÖ auch im Besitz der "Lizenz für ein aus der Slowakei nach Ostösterreich sendendes Privatradio" (Kurier, 5.12.94). Haider spielt Berlusconi. Angesprochen darauf, ob er Fehler gemacht habe: "Der einzige Fehler, den wir gemacht haben, war, daß wir nicht unser gesamtes Geld konzentriert und uns eine eigene Zeitung gekauft haben." (Top, August 1994)

So muß sich Haider bis auf weiteres über die auflagengeilen Zeitungen verkaufen, die ihm nicht gehörig sind. Wie er sich der Medien bedient, die sich seiner bedienen bzw. wie sie ihn bedienen, die er bedient, ist ausführlich im vorigen FÖHN dokumentiert. Die FPÖ-Partie wäre eine ohne Zweifel ebenso erfolgreiche News-Redaktionsmannschaft wie die sehr erfolgreiche derzeitige. Die zwei größten Lautsprecher Haiders im Land, News und Kronenzeitung, funktionieren so ziemlich nach demselben Prinzip wie er. Die Krone ist eine einzige Nachäffung - der Bild-Zeitung. Sie ist konsequent bis zum Umfallen. Auch die Krone des Milliardärs Hans Dichand verkauft sich den wirklichen Opfern dieser Gesellschaftsordnung täglich als von allen Seiten umstelltes Opfer.

Auch wenn es uns hier um die Haider-Marketingpolitik geht, die Haider mit viel Aufwand selber betreibt, sollten wir die Haider­Marketingpolitik, mit der er ungeheißen bedacht wird, nicht außer acht lassen. Demnächst wollen "1000 Prominente gegen Haider" österreichweit auf Plakaten für ihn werben. Aber über den Anti-Haider-Clan ist schon genug im letzten Heft zu lesen. (Inzwischen stehn die ersten Vollkoffer ja schon am Wiener Westbahnhof.)

Die Presse sagt von sich, sie sei ein Spiegel der Politik. In bezug auf Haider ist sie nichts weniger als ein Vergrößerungsspiegel.Er tut kund, 1998 Bundeskanzler werden zu wollen, und auch sogenannte seriöse Zeitungen titeln postwendend: "'Bürgerbewegung' für Bundeskanzler Jörg Haider' (SN, 16.1.95). Wenn tausendmal geschrieben sein worden wird "Bundeskanzler Haider', wird ein Bundeskanzler Haider den Leuten ganz normal vorkommen.

 

Glänzende Kritiken

 

Das Bild des kämpfenden Haudegens, das Haider von sich zu schaffen versucht, hat, wie man spätestens seit "Rambo" und "Terminator" weiß, bei den Menschen unter dem Kapitalismus große Anziehungskraft. Aber so belanglos Silvester Stallones Studio-Scharmützel wären, wenn er nicht bis ins letzte Provinznest als "Rambo" ausgetrommelt würde, so unerheblich wären Haiders bemühteste Körperverrenkungen ohne den leinwanden Ruf, der ihm in den großen Medien vorauseilt. Er wird angekündigt als Django (Kl.Ztg.) und Tarzan (Kl.Zeitung) in einem, als ein gefährlicher Straßenkämpfer (Kurier), ein kühl kalkulierender Haudrauf (Spiegel), eine Hasardeurnatur (Kurier), ein beinharter Rauswerfer (AZ), ein Rächer der Unterdriickten (Kl.Zeitung).Gerühmt werden sein Vernichtungswille (Kurier) und seine Brutalität (News). Das alles ist weniger eine Charakterisierung Haiders als Propaganda für ihn. Viele Formulierungen der Journalisten klingen wie lange ausgetüftelte Filmtitel: Sein Leben ist der Kampf (Kurier), Siegeslauf (Wiener), Kampfansage (Basta), Blitzkrieg (Kurier), Haider gegen alle (News), Haider ist nicht zu stoppen (Wiener). Den Haider, der den Entschlossenen, Durchschlagskräftigen mimen will, preisen sie in millionenhafter Auflage, ohne Unterlaß, nicht im Abstellraum der Zeitung, sondern im Schaufenster, an als entschlossen und rücksichtslos (Kurier), brutal (Wochenpresse), rabiat (AZ), skrupellos (Profil), kaltblütig (Neues Volksblatt), eiskalt (Kurier). Man lese diese Kritik als Filmkritik und weiß: Das muß ein Kassenschlager werden! Denn der Hauptdarsteller bietet alles, was man sich erwarten kann: Er ist gefährlich (Zeit), aggressiv (Neues Volksblatt), schlägt zu (Vorarlberger Nachrichten), köpft (OÖN), räumt beinhart auf (TT), serviert eiskalt ab (Kurier), setzt alles auf eine Karte (News), macht die Hölle heiß (Kurier) und ballert auf alles, was sich rührt (Kl.Zeitung). Herz, was willst du mehr?

 

Wie läßt sich viel Altes am besten verstecken? Hinter viel Neuem!

 

Will die Reaktion erfolgreich sein, muß sie sich schick anziehen. Modernität hat nichts zu tun mit Fortschritt, sie dient nur dessen Vortäuschung. Sein Büro mit höchst schrägen Designerstühlen einrichten lassen hat sich z.B. ein Wolfgang Schüssel, der politisch in den 50er Jahren sitzen geblieben ist. Nichts braucht so sehr den Anschein des Vorwärtsdrängens wie gerade das Aufderstelletreten. Wo viel Mode ist, ist viel Mode nötig. Kein sichereres Anzeichen für politische Reaktion als dickaufgetragener Zeitgeistplunder! Z.B. immer dieses blödgesichtige Erstaunen: Haider geht in Diskos! Als wären das nicht totalitäre Stätten, Orte der Deformierung und nicht der Befreiung!

In Wahrheit ist da gar kein Widerspruch zwischen Haiders Styling und Haiders Politik. Ein Handy ist ein Fortschritt nirgendwohin. Haiders Porsche bolzt auch mit 265 km/h in keine neue Zeit. Fortschreiten im Kapitalismus heißt Fortschreiten tiefer in den Kapitalismus hinein. Und das will er ja auch politisch! Haider ist entsetzlich modern, weil er entsetzlich konservativ ist. Um das an einem anderen Beispiel zu zeigen: Satelliten-TV etwa, das nach ultramodern riecht, ist stinkreaktionär, antidemokratisch, psychisch wie materiell ausbeuterisch, menschenfeindlich. Auch in den USA und in Italien sind mit R. Perot und S. Berlusconi die kapitalistischsten Politiker folgerichtig die modernsten.

Wie sie geht Haider nicht über das, was ist, hinaus, sondern nur forsch weiter in dieses hinein.

 

Er bewegt sich in diesem System wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser. Er weiß: Um ein Unternehmen zu beherrschen, muß man es nicht kaufen. Es genügt ein Aktienpaket von jener Größe, die die Lenkung der Mehrheit erlaubt. So konnte er nach den Landtagswahlen von 1989 mit einem Stimmenpaket von 25,1 Prozent (!) aller Wahlberechtigten Landeshauptmann werden. Die Kunstgriffe der Marktwirtschaft beherrscht er blind. Unbequem gewordene Parteiangestellte werden mit einigen hunderttausend Schilling auf die Hand verabschiedet. Im Wahlkampf besonders aktive Funktionäre werden (z.B. in Tirol 1995) mit Flugreisen belohnt. Leitende Mitarbeiter bekommen nach Nationalrats- und Landtagswahlen (wie TIWAG-Angestellte nach Fertigstellung von Kraftwerken) Gratifikationen in der Höhe von mehreren tausend Schilling ausbezahlt.

"Politik machen", sagt Haider, "ist sehr ähnlich wie ein Unter­nehmen führen. jeder kämpft um Marktanteile, so, wie er glaubt, am effizientesten zu sein." (Wochenpresse, 27.9.90) Seine Partei, so erklärt er einmal, "ist in Wahrheit eine Firma", die er 1986 "dem Konkurs nahe, übernommen" habe (Spiegel, 45/92). jetzt seien die "gestiegenen Marktanteile zu sichern". Haider zeigt sich als des Kapitalismus allergelehrigster Schüler, indem er die Praktiken des Marktes jetzt gegen seine politischen Konkurrenten anwendet: Produktdesign, Merchandising, sales promotion usw. Die Empörung ist groß. So haben wir nicht gewettet, sagen die bisher marktbeherrschenden Parteien. Aber da ist auch Genugtuung. Die Menschen, die selber tagtäglich der rohen Marktkonkurrenz mit deren Listen und Tücken ausgesetzt sind, vergönnen sie den Politikern. je ruinöser Haider den Wettbewerb anlegt, das heißt kapitalistischer, desto schadenfroher. Wenn die FPÖ als völlig neues Produkt daherkommt, dann ist das in bester, das heißt schlechtester marktwirtschaftlicher Manier nur die Verpackung. Mein Gott, wie oft wurde nicht das Persil schon in neue Schachteln gepackt! Philips bringt seinen Scherblatt-Rasierer seit 17 Jahren zu jedem Vatertag neu heraus. Gerade auf diesem Gebiet sollten wir doch unsere Lektion gelernt haben (Der neue Audi! Die neue FPÖ! Das neue Ottakringer!), und sind doch verführbar wie am ersten Tag. Wenn z.B. die Kärntner Filiale der Firma FPÖ bereits vor sechs Jahren als Mitgliedsausweis eine Servicekarte im Scheckkartenformat entwickelt hat mit einem eingebauten Chip, auf dem 64.000 Zeichen abgespeichert werden können, so sind das eben Maßnahmen zur Beschleunigung des Massenumschlags. Daß Haider seine Kaderzeitung Freie Argumente jetzt auch in einer englischsprachigen Version unter dem Titel f-news auf den Markt bringt, ist einfach Produktmanagement. Wir sollten das nicht siebengscheit belächeln, bevor wir es verstanden haben. Der FPÖ-Spitzenfunktionär Hojac hat sich in einen werbeträchtigeren Westenthaler umgetauft. Ihm das vorzuwerfen ist unter den Regeln, die gelten, kindisch. Auch die rothaarige Ilona, die sich in der Kronenzeitung feilbietet, ist weder rothaarig, noch heißt sie Ilona. K. Wlaschek nennt sich Billa. Sarközi Tony Wegas. Wieso sollen wir jetzt auf einmal moralisch werden? Was Haider treibt ist Quotenhurerei, wie sie alle Erfolgreichen treiben. Dazu gehört auch, sich wie jedes x-beliebige Markenerzeugnis über Schleichwerbung an Kunden heranzumachen. Sein Auftreten z.B. bei Eröffnungen von Modeläden und Cafes sind als das zu sehen, was man Product Placernent nennt. Auch Haiders Teilnahme am Tiroler Koasalauf ist nichts anderes. Was Römerquelle & Co. ständig versuchen, nämlich möglichst unauffällig möglichst auffällig in Spielfilmen vorzukommen, das ist ihm z.B. mit seinem Gastauftritt im "Schloß am Wörthersee" vorzüglich gelungen. Natürlich will auch Haider immer mehr: "In 'Peter Strohm' würde ich gut hineinpassen." (Kronenzeitung, 1.9.91)

Das zuletzt zigtausendfach ausgehängte Haider-Verkaufsplakat mit dem Slogan "Er hat Euch nicht belogen" ist von Leuten, die körperlich um so vieles agiler sein müssen als geistig, landauf landab, wie sie meinen, verbessert worden, indem sie das nicht überklebt haben. Die neue Botschaft war mindestens so falsch wie die alte. Aufklärerisch wäre gewesen, zu sagen: Er hat Euch auch belogen. Die Anti-Haider-Gazetten überschlagen sich jetzt darin, ihm Lügen im Detail nachzuweisen. I bitt schön, spart's euch die Müh'. Natürlich stimmt nicht, was Haider, um sich zu vermarkten, sagt. ja, es sind zum Teil reine Erfindungen, Verdrehungen, Märchen, Raubersgschichten usw. usw. Aber bitte, das ist doch ganz normal im kapitalistischen Wettbewerb! Stimmt das vielleicht, was auf der chilenischen Tiroler Darbo-Konfitüre draufsteht oder auf der oberösterreichischen Tirol-Milch-Butter oder auf dem echten holländischen Nordtiroler Speck vom Handl? (Gasser-Speck bekämpft Handl-Speck nicht, indem er ihn der Unredlichkeit bezichtigt, sondern indem er es ihm an Unredlichkeit zumindest gleichtut!) Warum soll ausgerechnet kapitalistische Politik nicht kapitalistisch sein dürfen? Bei News, bei Vera, bei Bahlsen stimmt doch auch nichts außer der Kassa. Wenn es um etwas anderes ginge im Kapitalismus, würde er ja nicht so heißen.

 

Hitler

Je rasender Haider dem ständig gezogenen einfältigen Vergleich mit Hitler durch trendiges Styling zu entfliehen sucht, desto ähn­licher wird er ihm. Ganz einfach, weil auch jener die Speerspitze des brutalen Kapitalismus gewesen ist. Uns erscheint die NSDAP von 1933 entsetzlich gestrig. Aber sie war zu ihrer Zeit furchtbar modern, selbst die braunen Maßuniformen waren todschick. Ich sage nicht: Haider imitiert Hitler; ich sage sogar: Haider imitiert Hitler nicht, sondern: er schöpft aus der gleichen Quelle wie jener. Hitler war der erste Politiker, der seine Wahlkampfreisen mit dem Flugzeug unternahm und das natürlich propagandistisch ausschlachtete. Übrigens bediente auch er sich hemmungslos links und rechts, vor allem links: Der Arbeiterbewegung stahl er von der roten Farbe ihrer Fahnen und Plakate angefangen über Melodien von Arbeiterliedern und Losungen bis hin zur Organisation von Demonstrationszügen und selbst zum 1. Mai alles mögliche, um die Arbeiterschaft zu betören. Hitler: "Ich habe vom Marxismus viel gelernt. Ich gestehe das ohne weiteres ein. Nicht etwa von dieser langweiligen Gesellschaftslehre und materialistischen Geschichtsauffassung, von diesem absurden Zeug von 'Grenznutzenlehre' und dergleichen. Aber von ihren Methoden habe ich gelernt. (... ) Der ganze Nationalsozialismus steckt da drin. Sehen Sie nur genauer zu. Arbeiterturnvereine, Betriebszellen, Massenaufmärsche, Propagandaschriften eigens für das Verständnis der Masse verfaßt; alle diese neuen Mittel gehen ja im wesentlichen auf die Marxisten zurück. Ich brauchte nur diese Mittel zu übernehmen und zu entwickeln, und hatte im wesentlichen, was uns nottat."

Es ist wie bei einem Schwamm. Am meisten kann ein vollkommen leerer aufsaugen.

Darum griffen die Nazis auch so gierig nach den neuen Propagandatechniken. Moderner als sie mit ihrem Einsatz der Fotografie, des Films, des Rundfunks schienen, konnte man damals nicht scheinen. Bereits im Wahlkampf 1932 kamen neben sozialistischen Wahlkampfformen vor allem am Warenmarkt erprobte amerikanische Reklametechniken zur Anwendung. Mit ihren Zeitungssonderausgaben in Riesenauflagen, Fotoserien, Werbefilmen und sogar Schallplatten mit Hitlerreden waren sie die eifrigsten Propagandisten des kapitalistischen Fortschritts. "Ich bin", erklärte A. Hitler 1942, "ich sage es ganz offen, ein Narr der Technik. Immer ist der in der Vorhand, welcher mit verblüffenderen technischen Neuerungen kommt." Angesichts des so mondänen Silvio Berlusconi darf man sich auch daran erinnern, wie zeitgeistig die italienischen Faschisten waren. Ihre geistigen Vorläufer, die Futuristen, haben den kapitalistischen Fortschritt in Form von Bombenflugzeugen und Kanonen geradezu angebetet.

 

Auch den Haider haben die Verhältnisse, lange bevor er dazu hätte kommen können, sie in seinem Sinne zu verändern, in ihrem Sinne verändert. Er ist heute Prophet und Profiteur des Zeitgeistes in einem. Jede Haider-Propaganda ist in der Form und im Inhalt eine Propaganda für den kapitalistischen Fortschritt, der wie der Fortschritt einer Lawine ist, die sich vorwärtswälzt. So ist er z.B. mit seinem ausgewiesenen Wahlkampftermin "23.30 Discotour in Imst (open end)" Nachbeter und Vorbeter des Trends zugleich. Wenn die Kärntner FPÖ einen sogenannten dreitägigen "Erlebnisparteitag" (Zelte, Mozart, Jugend-Tenne, Haider-Gala) abführt, ist schon sehr die Frage, ob die FPÖ diese "ganz nach amerikanischem Muster organisierte Veranstaltung" (Standard, 14.10.89) bringt oder nicht vielmehr die FPÖ selber von dieser Veranstaltung gebracht wird. Im Wahlkampf 1994 tourt Haider mit einer Riesenbühne durchs Land, die ganz augenfällig den Studioaufbauten der großen Samstagabend-TV-Shows nachgebastelt ist. Mit seinem Stargastgetue lehnt sich das Spektakel auch inhaltlich so stark an das Vorbild an, daß die Kulisse wackelt. Als käme Michael Jackson zu Thomas Gottschalk. "Der Entzückensschrei des Moderators, der mit überschlagender Stimme um 'ungeteilte Aufmerksamkeit' bittet, geht im Beifallsturm unter, als sich die Kulisse öffnet und Jörg Haider die Stufen herabspringt." (Kleine Zeitung, 12.9.94)

Wir nehmen so stark Bezug auf den brillanten FPÖ-Wahlkampf von 1994, weil der im Gegensatz zum kläglich zusammengeschusterten von 1995 erahnen läßt, was uns im wieder bis ins letzte Detail vorgeplanten nächsten erwarten wird.

 

Popstar

 

Die Großveranstaltungen der FPÖ im Nationalratswahlkampf 1994 wurden in Zeitungsinseraten und auf Plakaten unter dem Titel "Jörg Haider - Tour 94" angepriesen, womit z.B. an Udo 70 oder Pink Floyd Tour 1990 angestreift werden sollte. Verteilt wurden dabei ein als Wahlprogramm getarnter aufklappbarer Haider-Starfolder und ein Haider-Rap auf CD. Die einzige Botschaft der Werbespots im Fernsehen, die auch bei den Tour­Shows auf einer Riesenleinwand eingespielt wurden, war: Welch eine Größe! Welch ein Sieger! Da wird keine Zutat, mit der man sich im Schneideraum so einen bauen kann, ausgelassen. Er fliegt den Leuten zu (mit dem Privatjet und mit dem Hubschrauber) ­ und die Leute fliegen ihm zu. Haider mit Handy, Haider mit Rebook-Leiberl, Haider mit Designer-Sonnenbrille Ray Ban. Die Clips inszenieren einen Starrummel um ihn, auf daß ihre Ausstrahlung einen Starrummel um ihn auslöse. Wo er hinkommt, reißt er die Arme in die Höhe wie ein Weltcupsieger, gibt Autogramme, wird interviewt. Anknüpfend an den Haider-Kult von News & Co. macht das FP-Kamerateam allein sein Eintreffen zu einer TV-Konfrontation zur Star-Ankunft: Anflug im Jet, er wird geschminkt und gefönt, wird im BMW zum Küniglberg gefahren, wo schon alles auf ihn wartet, Fans, Händeschütteln, Begeisterung. Nicht, was er am Runden Tisch sagt, ist hier der Hit, sondern daß er, er selbst, dort hinkommt! Was für ein Star!

 

Griß kann man selbermachen. Zum Beispiel, indem man zu einem kleinen Saal bewußt mehr Leute hinkarrt, als darin Platz haben, wie bei der "Grundsatzerklärung" Haiders im März 1995 in der Wiener Börse. Die Kameras, die den Redner dort umschwirren, sind die der parteieigenen Werbeagentur, die für ein Video aufzeichnet, auf dem dann die Kameras, die gerade nicht aufnehmen, aufgenommen sind.

 

Der Starkult, auf den wir alle getrimmt sind (von Pavarotti bis Marlon Brando, von Claudia Schiffer bis Tomba) nützt Haider ­ und Haider nützt ihn. Wundert's, wenn Zuhörer, wie sie's gelernt haben, nach seiner Rede "Zu-ga-be!" - "Zu-ga-be!" schreien? "Hitler", soll der Popstar Dawid Bowie einmal gesagt haben, " war der erste Popstar". Der US-Historiker A. Schlesinger meinte nach einem Gespräch mit Haider über diesen: "Das soll ein Nazi sein? Der ist ein politischer Rockstar." (Wirtschaftswoche, 18.5.95) Und der Rockstar selber zitierte schon vor Jahren genüßlich ein Zeitgeistmagazin, wonach er "längst nicht mehr von den alten Nazis lebt, sondern zum Falco der österreichischen Innenpolitik geworden ist" (Kleine Zeitung, 11. 1. 88).

 

Es ist direkt erheiternd zu sehen, wie auch ein großer Teil der FP­Funktionäre nicht weiß, wie ihnen geschieht, wenn da abläuft, was da abläuft. Wie hölzern etwa der Tiroler Obmann Lugger im wahrsten Sinne daneben steht.

Vielleicht hilft der Vergleich mit der Schürzenjäger-Sekte. Auch sie wird als Fanclub aufgezogen, wobei die Zugehörigkeit durch den Kauf von Fanartikeln wie Kappen, T-Shirts, Dosenbier und das Beherrschen von Refrains und Ritualen erworben wird. Von einem bestimmten Zeitpunkt an zieht jeder zusätzliche Zuseher wieder zwei zusätzliche nach sich, von denen dann wieder jeder zwei ... usw.Schneeballsystem. Wenn soviele Leute sind, muß ich ja schauen, wie das ist, wenn soviele Leute sind. Die Schürzenjäger selbst sind bis obenhin verkleidet, jedem Signal ein Gegensignal aufsetzend: dem Trachtengilet eine Motorradfahrerlederhose, dem Tiroler Adler die Pinkfärbung, der E-Gitarre ein mit Schellen besetztes ledernes Gitarrenband, der mit fetten Ringen bestückten Hand Kuhglocken in eben dieser, dem ans Gesicht montierten HI-Tech-Minimikro drei Freundschaftsbänder am Arm, der Trachtenbluse eine Alternativstrickmütze, dem Goldketterl am Arm drei lange Ethno-Haarzöpfln mit Perlenkügerln dran, der Ziehharmonika im Arm einen Klumpen aus fünf, sechs Plastikuhren am Handgelenk usw. usw. Ein Lockruf an jede nur denkbare Kleingruppe. Sie haben, wenn sie auf den Markt gehen, jede Ware mit, die dort gefragt sein könnte. Nach demselben Prinzip ist auch die Musik zusammengepappt aus allem möglichen (von der Jazzmesse über den Hitparaden-Akkord bis zur Fernsehvolksmusik), nur ganz bestimmt aus nichts eigenem. Wenn Haider ein Popstar wäre, sänge er vielleicht: "Woher sonst soll man es nehmen, als vom kleinen braven Mann? Und man braucht sich nicht zu schämen, weil sich keiner wehren kann." Der Journalist Christian Seiler meint dazu: "Das ist die Botschaft. Wir da unten gegen die da oben. Die Schürzenjäger als Anwälte des kleinen Mannes, als Ankläger der Bonzen, als Trostspender und Ratgeber, ..." (Profil, 21.8.95) - Je schlechter es den Menschen geht unter dem Kapitalismus, desto größer das Geschäft, das mit ihnen zu machen ist, politisch wie kommerziell.

Wie Haider mit der Menge seiner z.T. mühselig zusammengetrie­benen Zuhörer prahlt und News mit der Riesenzahl seiner dutzendweise verschleuderten Werbeseiten protzt, so brüsten sich die Schürzenjäger mit den herbeigekarrten Kilotonnen ihrer technischen Ausrüstung: Die Länge der verlegten Kabel ist so groß wie .... die Lichtanlage ist größer als ..., wir haben eine Wattleistung von .... usw. Die Größe der vorgeführten Anlage dient in erster Linie der Inszenierung der Größe der Schürzenjäger: Wir haben einen so großen Aufwand wie die Stones, daher sind wir so gut wie die Stones.

Das führt zu weit weg? Das führt ins Zentrum. Ist das zu weit?

Es ist der Kapitalismus, der nebenher als Musikgruppe auftritt, so wie er auch nebenher als Wochenmagazin oder als Partei auftritt. Haider, News, die Schürzenjäger produzieren in erster Linie nicht politische Konzepte, journalistische Artikel, Musik, sondern Eigenwerbung. Die Ware, die sie auf den Markt bringen, ist ihr Name. Ein Spitzenprodukt. Musik haben die Schürzenjäger höchstens im Beiprogramm. Es ist nicht ihr Gesang, der die Menschen massenhaft anzieht, so wie es bei News nicht die Berichterstattung und bei Haider nicht die Politik ist.

 

Schürzenjägerblech(dosen), Haiderflaschen

 

Das italienische Nachrichtenmagazin L’Europeo schreibt über Silvio Berlusconis Wahlbewegung: "Füllfederhalter, Anstecknadeln, Schleifchen und ein Anhängerkult wie bei einer Sekte: so entsteht Forza Italia." (22.12.93) FPÖ-Shop, F-Club-Boutique, Shop '98 bzw. F-Shop, wie sich Haiders Fanartikel-Ausgabestelle abwechselnd nennt, bietet neben der "'Jörg'-Tennis-Kollektion" mit Polo-Tennishemd, T-Shirt, Tennishose, Tennissocken, 'Jörg'­Tennisball, 'Jörg'-Schweißband-Set und 'Jörg'-Sporttasche u.a. 'Jörg'-Uhren, blaugelbe Hosenträger, 'Jörg'-Schals, Sweater, Wand-Kalender 'Jörg' 1996 an und mit dem auf den für 1998 geplanten Karrieresprung anspielenden Logo "'98" u.a. Wanduhren, Kugelschreiber, Taschenlampen, Feuerzeuge, Flaschenöffner, Regenschirme weiß oder blau, Buttons, Anstecknadeln, Badetücher, blaue Socken, blaue Parkas, entsprechend etikettierten Rieslingwein, Sekt in blauen Flaschen und das Pils 98.

 

Wer Quandini-Schuhe kauft, kauft sie wohl nicht seinen Füßen, und wer sich eine Royal-Armbanduhr zulegt, will weniger etwas von ihr erfragen als etwas mit ihr sagen. Haider, schwärmt ein bekannter Werbefritze, "ist immer aktuell und modisch gekleidet. Er zeigt Konsumkultur, wenn man seine Uhr betrachtet oder die Füllhalter, die er verwendet. Er hat immer Spitzenrnarken, nie billiges Plastik bei der Hand." (SN, 23.9.95) Wie Leistungsabzeichen, wie Kriegsorden an der Brust trägt er sie. Wenn Haider mit großen Gesten Trends setzt, dann solche, die längst gesetzt sind. Haider ist nur ein überlauter Widerhall. Wer, der im Kopf gesund ist, würde den Widerhall anschnauzen? Dasselbe am Beispiel News erklärt: Nicht die News-Truppe hat sich den Markt für News geschaffen, sondern der Markt hat sich News geschaffen, und die News-Truppe ist sein willfähriger Büttel. News selber ist glattes, weißes, leeres Papier auf dem sich dann erst das, was rundum wuchert, abbildet. Über Haider sagt ein früherer enger Mitarbeiter zum FÖHN: "Er hat keine Eigenschaften. Das ist seine Stärke." Scheinbar sucht Haider sich seine Accessoires aus. In Wahrheit haben sie sich ihn ausgesucht. Er ist nur der, könnte man sagen, der im Hauptfeld ins Ziel radelt und sich als Tagessieger abfeiert.

 

Was wird er nicht noch alles!

 

Haider ist richtig leicht auszurechnen. Er ist ja so billig gemacht! Er wird eine Parteifahne einfuhren und eine Parteihymne und ein Parteimaskottchen. Er wird in die Bandenwerbung in Sportstadien einsteigen, Dressenwerbung machen und Haiderdosenbier auf den Markt bringen. Es ist keine Wundertüte, aus der er zau­bert, sondern die kapitalistische Schmähtüte, die er bis zum Boden plündert. Er wird den rotweißroten Schal einfuhren, einen Dr. Jörg Haider-Preis stiften und Telefonwertkarten verschenken ("Jörg wählen!"). Er wird ein Freizeichen-Privatradio machen, eine Mode-Kollektion vorlegen, ein Gewinnspiel mit einem blauen Polo als Hauptpreis veranstalten. (Pardon. ich hör' grad, sowas hat er schon. Beim Parteitag in Linz gabs die "Verlosung eines blauen VW-Golf".) Einen Haider kann sich jedes Kind daheim selber zusammenbauen. Er wird Lichtreklame machen und Werbung auf Taxis und auf Leitplanken und ein gestyltes Fanclub-Magazin herausbringen. Er wird ein Seefest machen und ein Schneefest, ein Landfest und ein Stadtfest, er wird Autogrammstunden in Kaufhäusern geben und ein topdesigntes Blaues Haus aufmachen (mit Multimedia, Polittalks, Shows, Beratung, Service, Bürgerhilfe usw.). Er wird nichts machen, was es nicht schon gibt, und nichts auslassen, was irgendwer irgendwo schon hat. Er wird der CDU die Plakatslogans "Freiheit wählen!" und "Freiheit statt Sozialismus!" fladern und sich von Josef Klaus (ÖVP) die Losung "Ein echter Österreicher!" borgen. Es ist ja alles schon da, wie geschaffen für die FPÖ. Er wird ein Künstlerfestival gründen, eine Beauty-Line "Jörg!" über Bipa vertreiben lassen und eine Haider-Tennis-Trophy veranstalten. (Halt. Wieder zu langsam gedacht. Es gibt in Kärnten bereits ein "Dr.Jörg Haider-Tennisturnier"). Er wird ein Haider-TV machen a la Stern-TV oder Spiegel-TV, einen Parteitag in den Swarovski-Kristall-Welten abführen und einen Bildband mit 1000 bisher unveröffentlichten Fotos über seine Star-Karriere in die Libro-Märkte bringen. Er wird sich noch oft diebisch freuen, wenn er wieder irgendwo irgendeinen Schickimicki-Schnickschnack derlangt. Er wird einen Künstler ein Snowboard gestalten lassen, einen Song mit den Schürzenjägern aufnehmen und sich die Patronanz über eine Exekutive-Abteilung zulegen. Er wird groß in Israel Urlaub machen und Kronenzeitung-Ombudsmann werden, den bereits erprobten Slogan "Wir Demokraten" zu "Wir sozialen Demokraten" ausbauen und den Aktivkarten-Besitzern fünf und den Mitgliedskartenbesitzern zehn Prozent Rabatt bei Billa, Merkur und Hartlauer bieten. Er wird dies und er wird das. Er wird kein Auge zutun können, um nicht irgendeinen Gag, der irgendwo in Umlauf ist, zu übersehen.

 

Haider will das System stürzen?

 

Wenn Sie irgendwo gelesen haben sollten, Haider wolle das System stürzen, so muß es sich um einen Druckfehler handeln. Es ist schlimmer! Er will es stützen.

Sein Programm ist, dort weiterzumachen, wo wir sind. Wer das, was jetzt ist, grundsätzlich akzeptiert, wird sich schwertun, gegen einen zu argumentieren, der es noch besser machen will. Er kann seine Politik mit so traumwandlerischer Sicherheit vortragen, weil sie in allem die am Lineal gezogene Verlängerung des schon Bestehenden ist. Daß er dabei natürlich nicht wackelt, weil er dabei gar nicht wackeln kann, verschafft ihm diesen Eindruck von Entschlossenheit und Stärke. Wer das als Faschismus deutet, der hat sich zuviel von der kapitalistischen Demokratie erwartet. Es ist Kapitalismus! Die Ansicht, Haider bringe den Faschismus, geht von falschen Grundlagen aus. Die, deren Politik Vranitzky, Schüssel und Haider ausführen, ersetzen nicht aus Jux und Tollerei diese wunderbare demokratisch-parlamentarische Verhüllung ihrer Herrschaft durch Methoden des faschistischen Terrors. Wer Faschismus als Hobby der Geldsäcke versteht, versteht einen Dreck. Zu ihm greifen sie erst, wenn es unumgänglich ist, zu ihm zu greifen. Das ist es derzeit in Österreich nicht.

Der Kapitalismus hat noch genug in ihm schlummernde Qualitäten. Und es ist nur folgerichtig, sie zur Entfaltung zu bringen. Die ganze kapitalistische Produktion steht unter gewaltigem Zwang zu Rationalisierungen. Eine richtige kapitalistische Rationalisierung macht nicht eher halt, als sie nicht vor der Wegrationalisierung der privaten Eigentümer der Produktionsbetriebe steht. D.h. in der Politik, diesem Anhängsel der Wirtschaft, werden ihre Methoden der Leistungssteigerung natürlich angewendet. Wer für Kapitalismus ist, kann schwer was dagegen haben, daß ihn jemand besser machen will. Auch wenn das heißt, ihn schlimmer zu machen.

Es riecht in Österreich ohnedies nach Reagan und Thatcher. Haider ist keine Abweichung. Haider ist die Fortsetzung. Er kommt von keinem anderen Stern. Funktionäre der Regierungsparteien, die sich von ihm distanzieren wollen, gleichen der Mutter, die ihr Kind verleugnet. Das ist schon euer eigener Balg! Eine Verwechslung auf der Geburtenstation ist völlig ausgeschlossen. Die Freiheit, die Haider meint, ist die Freiheit fürs Kapital. Er ist für mehr Kriminalbeamte, eingesetzt aber gegen Ladendiebstahl, nicht gegen Lohnraub. (Wird bei Billa mehr aus dem Lohnsackl gestohlen oder aus dem Regal?) Wenn wir uns schon so fürchten vor ihm, sollten wir uns aus treffenderem Grunde fürchten vor ihm. Die beliebte Nazi-Diskussion deckt zu, daß Haiders Rassismus der kapitalistische ist. Was zählt, ist nicht der Arier-Nachweis, sondern der Leistungs-Nachweis. Im Umgang mit Flüchtlingen zeigt sich, was die in der Marktwirtschaft wert sind, die weder fürs Kapital arbeiten (wie Arbeiterinnen und Arbeiter), noch Geld zum Konsumieren haben (wie Urlauberinnen und Urlauber). Haider kommt nicht irgendwo weit neben dem Kapitalismus hervor, sondern aus seiner Mitte heraus! Nicht nur Haiders Österreich, sondern jeder auf Unrecht aufbauende Staat, muß insbesondere jene politischen Flüchtlinge fürchten, die in ihrer Heimat gelernt haben, sich gegen Unrecht zur Wehr zu setzen. Haider ist nicht die brutale Reaktion auf eine soziale Erschütterung, sondern die brutale Vorbeugung gegen eine soziale Erschütterung.

Wer schon in der Schule bei Androhung des Sitzenbleibens die Ideologie verinnerlichen muß, daß der Kapitalismus die höchste und beste und schönste und gesündeste und gerechteste Gesellschaftsordnung sei, kann sich die erlebten katastrophalen Auswirkungen nur als solche einer unvollkommenen Verwirklichung des Kapitalismus vorstellen. Nichts leichter also für Haider, als die Schurkerei des Kapitalismus als Schurkerei der Administration auszugeben. Er kann versprechen, die uneingelösten Hoffnungen in dieses System einzulösen, auch wenn es in diesem System uneinlösbare sind. Ja, und wer selbst auf den Kapitalismus schwört (wie z.B. SPÖ, ÖVP, LIF, Grüne), wird nicht genug Sätze wissen gegen den, der ihn schlagkräftiger machen will.

Haider ist als nahezu neurotischer Verbesserer des Systems zu sehen, dem das, was ist, nie gut genug ist. Sein Extremismus ist ein Extremismus der Mitte. Innerhalb der bestehenden Ordnung kann dem nicht wirklich entgegengearbeitet werden. Ein loderndes Feuer bekämpft man nicht mit anderen Feuern, sondern mit Wasser. Was sogenannte Sozialdemokraten meinen, wenn sie von "Migrationsdruck" reden, übersetzt er in die Alltagssprache: "Asylantenflut". Er und die Kronenzeitung sagen "Ausländerstopp", wo Profil und Petrovic "Steuerung der Zuwanderung" sagen. Ihre "Wirtschaftsflüchtlinge" heißen bei ihm "Scheinasylanten". Wo Innenminister Einem und der Standard von "Ausländerquote" sprechen, sprechen Haider und Staberl von "Österreich zuerst". Wo andere für ihre Kunden "Rückführung" formulieren, formuliert er für die seinigen "Abschiebung". (Es ist nicht einzusehen, weshalb Vranitzky-Wähler oder Schüssel-Wähler nicht Haider wählen sollten, vielleicht bloß wegen eines schiefen Zahnes.)

Niemand kann sagen, Haider bekämpfe das System. Er treibt es auf die Spitze. Vom Tüchtigkeit-Terror der Kapitalfreiheitlichen ist im vorigen FÖHN die Rede. Ein deutscher Regierungschef hat diesen einmal so begründet: "Die Ansprüche des Volkes sind die Nahrung der Industrie. Das ist die Voraussetzung des Lebens der Wirtschaft. Nehmen Sie ein Volk, das keinen Anspruch hat, dann können Sie drei Viertel der ganzen Wirtschaft zusammenpacken." Es müsse der Wirtschaft gelingen, erklärte er, "immer mehr Bedürfnisse zu erzielen, und umgekehrt dem einzelnen klarzumachen, die Befriedigung der Bedürfnisse erreichst du nur durch Arbeit, immer wieder durch Arbeit". (1944)

 

In dieser Leistungsgesellschaft muß alles spitze sein: die Produktion, der Absatz, der Umsatz, die Qualität, der Gewinn usw. Bei den Scharfschützen ist der am schärfsten Schießende der Beste, bei den Eisschnelläufern der am schnellsten auf dem Eis Laufende usw. Weshalb sollte in der kapitalistischen Politik nicht der kapitalistischste Politiker der beste sein? Die Argumentation gegen Haider ist so, als würde man in der Leichtathletik sagen, wer am höchsten springt, ist der Beste, aber höher als 2,30 Meter gilt auch wieder nicht.

 

Haider ist der Ziehsohn des recht extremen Kapitalismus

 

Je eindeutiger das große Geld herrscht, desto wichtiger ist diesem der Eindruck, es herrschten die Politiker: "Clinton bleibt hart", "Vranitzky setzt Wohnbauprogramm durch", "Jelzin stärkt den Rubel" usw. Dieser uns tagtäglich um die Ohren klatschende Unsinn ist Ausfluß und gleich wieder Grundlage des Demokratietheaters, dem wir ausgesetzt sind. Haider spielt auch diese Scheindemokratie am besten. Wenn Klima und Hums die Mächtigen sind, dann ist er ja der, der sich ganz rabiat mit den Mächtigen anlegt. Daß er mäuschenstill ist gegenüber dem Zinsdiktat der Bank Austria, dem Abnahmepreisdiktat der Milchgenossenschaft oder dem Lohndiktat der Kika-Kette, spielt dann keine Rolle. Das ganze Haider-Theater funktioniert ja nur, weil so ein Zirkus gemacht werden muß um das Wählen, und weil das Parlament, das ohne Einfluß ist auf die Wohnungsmietpreise, auf den Eckzinssatz oder auf die Schandlöhne in der Hotelküche, so hinaufgejubelt wird.

Haider kommt nicht trotz Wahlen auf, sondern dank Wahlen! Je mehr solche Wahlen, desto besser für ihn. Von den Wahl-Angeboten präsentiert er sich am besten. Wer für's Wählen eintritt in der kapitalistischen Demokratie, wird so einen als Sieger haben.

Wo von Anfang an alles falsch ist, da ist er in seinem Element. Diese Demokratie ist keine Demokratie. Und wenn sie jetzt einer gerissener und genialer zu nutzen weiß als alle anderen, so geschieht ihnen recht. Seine Anleihen bei den Wahl-Schmähs in den USA bieten in konsequenter Weiterentwicklung noch mehr Demokratie-Show für noch weniger Demokratie, z.B. mit sogenannten Wahlkonventen. Quereinsteiger ermöglichen, daß jeder Parteisitz verkauft werden kann. Präsident Bush z.B. hatte von 60 Jobs im Außenministerium 47 an Personen zu vergeben, die sich nur durch die Finanzierung seines Wahlkampfes qualifiziert hatten. Wenn das eine Demokratie ist, dann ist Haider ihr Vollender. Dann ist Haider der demokratischste Politiker, d.h. der ihrer perfektesten Handhabung. Wer anerkennt, daß die Menge der Geldscheine, die ein Mensch besitzt, seine Stellung in dieser Gesellschaft bestimmt, dem steht große Entrüstung im Gesicht wegen Haiders Systemverbesserungen nicht sehr gut. Ein kapitalistisches Management ist desto besser, je weniger Krankenstände und je mehr unbezahlte Hausfrauen es produziert, je weniger Pensionisten und je mehr Lehrlinge, je geringere Sozialausgaben und je größere Gewinnspannen, je niedrigere Lohnkosten und je höhere Investitionsfreibeträge, je weniger Arbeitsinspektionen und je mehr Wochenstunden usw. Haider ist keine Entgleisung. Die Schienen führen genau in diese Richtung. Wählen im Kapitalismus heißt den Kapitalistischsten wählen. Alles andere wäre ja paradox. Nur in einer Demokratie hieße es, den Demokratischsten wählen!

Viele sagen, Haider will dieses Staatswesen vernichten, unter dem Vorwand, es zu retten. Ich sage, er will es retten, unter dem Vorwand es zu vernichten.

 

Was zu tun ist und was nicht zu tun ist

 

Haider erschießen. Das ist zuviel verlangt? Das ist, wenn schon, zuwenig verlangt. Man müßte dann schon auch Vranitzky und Schüssel und Petrovic und Schmidt und Klima und Ditz ... und vor allem Maculan und Meinl und Schwarzenberg und und und. Der Schuß, der Haider genau trifft, verfehlt sein Ziel meterweit. Nicht er und nicht Vranitzky oder sonstwer müssen dringend zur Strecke gebracht werden, sondern die Verhältnisse, für die sie stehen. Das ist schwieriger. Haider verdeutlicht nur die Entwicklung. Er macht sie sichtbar. Ihn umlegen wäre, als risse man den Zeiger von der Uhr, weil sie anzeigt: Es ist spät!

 

Einen linken Haider basteln. Der könnte sich der weit besseren Argumente bedienen als der rechte Haider. Er bräuchte nicht irgendeinen armen Teufel aus Sri Lanka als Sozialschmarotzer ausgeben, sondern könnte zum Thema z.B. die fünfhundert größten Unternehmen aus dem Trend vorlesen. Er könnte von Marktplatz zu Marktplatz ziehen und mit der Geißelung der wildesten Steuerhinterziehungstricks der Kapitalisten wahre Begeisterungsstürme auslösen. Er könnte dort Wohnungshaie wie den Haider-Freund Plech zur Sau machen und die kräftige Anhebung der Löhne und den Nulltarif auf allen öffentlichen Linien einfordern. Er hätte es viel leichter als Haider. Viel schwerer! Er, der den Mächtigen wirklich gefährlich erschiene, hätte die ganze Unterstützung der Medien, die Haider hat, nicht. Seine Methoden sind nur bei ihm möglich, weil er ein Produkt des Systems ist und mit den Forderungen von dessen Nutznießern übereinstimmt. je mehr umgekehrte Gags a la Haider einem einfallen, desto klarer wird, daß das Spekulieren mit einem genau umgekehrten Haider vollkommen falsch ist. Eine Politik gegen die bestehenden Verhältnisse kann nicht daherkommen wie ein Reklamefeldzug für diese Verhältnisse. Was bei einem Projekt Anti-Haider herauskommt, ist, wie man gesehen hat, ein Schüssel. Vor alldem ist aber die totale Ausrichtung auf eine Person undemokratisch. Die Ausrichtung auf einen Anti-Haider ist selbst ganz und gar haiderisch (petrovicisch, vranitzkysch, schmidtisch). Die kapitalistischen Medien betreiben die Vergötzung des einzelnen und hintertreiben damit die notwendige Zusammenführung der Menschen. So fängt man keine Demokratie an. Man stürzt die herrschenden Zustände nicht, indem man sich ihnen anpaßt.

 

In die FPÖ hineingehen. Wenn fünfzig entschlossene Leute oder auch nur zwanzig auf einen Schlag z.B. der Tiroler FPÖ beitreten, können sie diese umdrehen. Die können, wenn sie geschickt sind, den ganzen Apparat handstreichartig übernehmen. Könnten plötzlich richtige Aussendungen machen, richtige Kandidatinnen und Kandidaten aufstellen, einen richtigen Wahlkampf machen und dem Haider z.B. via Pressedienst der Partei täglich Konter geben. Welch lustvolle Vorstellung, in die FPÖ hineinzugehen und ihnen mit der Partei abzubauen! - Aber- Wieder falsch! Was bestenfalls herauskommen könnte, wäre so etwas wie die Grünen. Wie schlimm! Wie gut zu wissen: Aus diesem System heraus wächst nichts gegen dieses System.

 

Was sonst noch alles gegen Haider nicht zu tun ist, darüber steht genügend im letzten Heft. Wenn wir meinen, es ginge um Haider, haben wir uns, ob Haiderwähler oder Nichthaiderwähler, hoffnungslos verheddert. Dann sind wir blind den ausgelegten Profil-Aufmachern nachgerannt. Unser Problem sind sowenig die kackfarbenen Haiderplakate im Land wie die Lösung deren Anschmieren ist. Das ist, als wäre an einer verheerenden Mure vor allem der Lärm, den sie macht, das Problem, und wir begegneten diesem, indem wir aus Leibeskräften dagegen anschrien. Haiders nützliche Narren meinen, je größer sie ihn als Rechtsextremen aufblasen, desto größer stünden sie dann selber als Linke da. Kündigen sie mit ihren Motto "Haider kommt. Wir kommen auch!" nicht geradewegs den gemeinsamen gleichzeitigen Orgasmus an?

 

Vorschlag, einmal einen Standpunkt einzunehmen, von wo aus man ein bißchen weiter sieht

 

Wie lächerlich ist, z.B. vom mexikanischen Matehuala aus gesehen, das Aufjaulen in Österreich, wenn Haider dem Innenminister vorwirft, einen neuen fetten Dienstwagen zu fahren. Ob wir uns über den neuen fetten Dienstwagen entrüsten oder über die Lüge vom neuen fetten Dienstwagen, wir entrüsten uns zuunrecht. Wie versnobt müssen wir der Textilfärberin im chinesischen Tsining scheinen, zwischen einem Lackaffen mit Mascherl und einer Lackäffin mit Perlenkette hin- und hergerissen zu sein. Wie total pervers, uns an Meischbergers Fackereien und nicht z.B. an denen von Union Carbide in Indien und anderswo zu orientieren. Für wie verrückt müssen uns die unter der (auch von Österreich unterstützten) Politik der Türkei leidenden Kurden halten, daß wir uns hier auf angebliche Unterschiede zwischen SPÖ, ÖVP, FPÖ, LIF, Grünen, KPÖ, und VGÖ spezialisiert haben! Angesichts von Milliarden unter Hunger gesetzten Menschen weltweit, ist das, was wir hier treiben, eine Diskussion über die Farbe des Fenstersimses an einem Gebäude, das von Grund auf falsch ist. Welch groteske Verirrung in Anbetracht dessen, was an einem halben Tag an der Börse zu New York mit hunderttausenden Lohnarbeitern passiert, uns über die schusselige Wortschöpfung von der "Dritten Republik" zu mokieren! Oder Haider-Plakate nachzubessern, während begonnen worden ist, im Labor Lebewesen umzubauen! Solche hoffnungslos sich verlaufende Menschen sollen politisch klug sein? Nein.

Von einem Standpunkt mit etwas mehr Übersicht aus betrachtet sind Vranitzky, Haider & Co. gar nicht vorhanden. Vorhanden ist der Kapitalismus, der weltweit (wie ein Krieg) wütet. Auch in Österreich.

 

Die Strategie gegen Haider

 

Wem nicht schaudert vor dem, was ist, sondern erst vor dem, was wird, wird auch das nicht verhindern können. Die herrschende Ordnung in Österreich wird nicht, sondern ist ein Verbrechen am Großteil der eigenen Bevölkerung und ist eines an Milliarden Menschen in den Hungerländern, die im Wirtschaftsteil der Zeitung Zulieferländer heißen. Daß den Millionen Verbrechensopfern in Österreich durch die Ausplünderung der Völker Asiens, Afrikas, Südamerikas und halb Europas ein Stückchen Wiedergutmachung zuteil wird, macht die Sache hier nicht besser, sondern schlimmer. Dazu später. Die Anti-Haider-Schaukämpfer wollen, daß es so bleibt, wie es ist. Wir wollen, daß es anders wird. Die sich nach der Mode der Siebziger als Linke bezeichnet haben, kämpfen nicht mehr für eine Veränderung, sondern für eine Nichtveränderung. Sie wollen nicht sehen, daß Haider gerade die Fortsetzung der Nichtveränderung ist.

Wenn man schon Haider vernichten will, dann muß man es mit Putz und Stingel tun, das heißt, ihn mitsamt der Wurzel ausreißen. Und dabei wird der Vranitzky mitgehen. Gegen Haider allein gibt es keine sinnvolle Strategie, nur gegen das ganze. Wer am lodernden Brandfeuer nur den blauen Rauch bekämpfen will, ist nicht ein besonders genau Denkender, sondern, bitte, ein Trottel. Erstens also gibt es kein Mittel bloß gegen Haider. Zweitens was wäre getan, wenn es eines gäbe. Was sich an Haider aufrichtet, ist nicht die Linke. Eine Linke muß sich an den Verhältnissen, für die Vranitzky, Schüssel, Haider, Pilz, Verzetnitsch ... stehen, aufrichten.

Haider und die anderen, die mit dem Kapitalismus zuschlagen, sind mit dem Kapitalismus nicht zu schlagen. Punkt. Nur mit dem Gegenteil. Rufezeichen.

 

Kapitalismus

Der Haider , muß weg!

 

Auch ich würde lieber etwas Gemütlicheres sagen - von der Art: "Wir müssen den Druck auf Vranitzky steigern", "Wir müssen die Reformkräfte innerhalb dieser oder jener Partei stärken" aber es wäre verbrecherisch. Wer möchte, daß ihm jetzt recht gegeben wird, wird vorschlagen, man müsse "Österreich erneuern" und "ökologisieren" und "liberalisieren" und weiß der Teufel oder die Werbeagentur was. Wer aber vor der Geschichte und vor der Mehrheit der Menschen dieser Erde das Richtige tun will, kann nur sagen: Der Kapitalismus muß gestürzt werden. Natürlich wird das eine entsetzliche Arbeit. Aber der Umsturz dieser Verhältnisse wird nicht annähernd soviele Opfer fordern wie diese Verhältnisse. Dieses auf Raub bauende System muß zerschlagen werden, nicht weil es immer wieder solche wie Haider hervorbringt, sondern weil es menschenfeindlich ist! Umgekehrt: Weil es von Grund auf menschenfeindlich ist, bringt es immer wieder solche wie Haider und Schlimmere hervor.

Demokrat sein wollen, und das Privateigentum z.B. an Fabriken, Banken, Grundbesitz nicht abschaffen wollen, geht nicht zusammen. Die, die so blindwütig Haider bekämpfen, sind für jene Veränderung, die ihn unmöglich macht, wohl nicht zu haben. Wieviel Besseres könnte man mit den Kräften, die gegen ihn verjubelt werden, anfangen! Jaja, schonschon, sagen sie. Aber, sagen sie, das geht nie, sagen sie, die Kapitalisten enteignen, sagen sie.

 

Womit sie dem, was zu tun ist, bei sich schon einmal nach Kräf7ten vorgebeugt haben. Viele schauen sich das, was passiert, Erste­Reihe-fußfrei an. Wir haben viel mehr Zuschauer als Handelnde. Du meinst, das zeichne ein gutes Stück aus? Das ist ja gerade das verhängnisvolle Mißverständnis, daß es sich um ein Stück handle. Es ist unser Leben! Solange wir das nicht kapieren, wird uns mitgespielt.

Der ganze Kapitalismus steht komplett gegen die menschliche Vernunft. Es ist ganz und gar unhaltbar, daß auf dieser Erde einem Teil von Menschen das g e h ö r t, was für alle wichtig ist, daß z.B. Weizenfelder und Obstplantagen, Ölfelder und Industrieanlagen nicht einfach hier sind, für alle!, sondern unter der Verfügungsgewalt e i n z e 1 n e r stehen, gesetzlich, gerichtlich, staatlich, polizeilich und militärisch abgesichert! Der Kapitalismus ist, man denke nur an die Lohnarbeit vieler für wenige, durch und durch irrational und damit, nebenbei gesagt, der beste Boden für jedwede religiöse und politische Heilsbotschaft.

 

Eine Kuh gibt Milch? Welche Lüge!

Sie wird ihr genommen!

 

Der Kapitalismus ist unter unserem Niveau. Es ist mit unserem Gewissen unvereinbar, daß es so bleibt. Es ist mit unseren Ansprüchen an das Leben unvereinbar, daß es so bleibt. Wenn wir uns wünschen, daß an der Spitze der Nationalbank ausgemistet wird, hat man uns schon sehr kleingekriegt. Wo sind wir denn hingeraten, wenn wir uns fanatisieren dafür, daß der Vranitzky den Baufirmen Milliardenaufträge zuschanzt und nicht der Schüssel? Auf die drübere Seite, von wo aus wir schneidig gegen uns selber kämpfen. Wir sind abgerichtet. Wir sind ja zufrieden wie an die Kette gelegte Kühe, die zweimal täglich trockenes Heu vorgesetzt bekommen. Und kommt einmal eine Handvoll Leistungsfutter dazu, schmatzen wir schon. Was ist in unseren Köpfen passiert, daß wir so gar nicht mehr an uns selber denken. Millionen von unterdrückten Menschen scheint es zu genügen, ein auch noch selbstgekauftes T-Shirt zu tragen, auf dem BOSS steht. Welch vorbereitete Ernte für Haider & Co.! Gegen den Schutt, der uns ins Hirn gekippt worden ist, ist die ganze Umweltverschmutzung ein Dreck.

Der Großteil der Österreicherinnen und Österreicher lebt lohn­beraubt von den Reichen der Welt, und alle (vom Banker bis zur Mindestrentnerin) leben subventioniert von den Armen der Welt. Dein Hemd ist Diebsgut aus einem ausgeraubten Land. Wir, die große Masse der Menschen in diesem Land, sind keine Räuber, aber Nutznießer der Räuber. Warum wir z.B. in der EU noch keine unüberwindbare kapitalistische Krise haben? Weil sie Stück für Stück exportiert wird. "Wir" exportieren von hier die Arbeitslosigkeit, die Kinderarbeit, die giftigste, schmutzigste und schwerste Arbeit, den Müll, den Krieg usw. und importieren Privilegien für alle etwa in der Form von T-Shirts um 29 oder auch 79 Schilling. Ein Teil der Rechte, die auch die Unterdrücktesten in Österreich haben, kommt nicht daher, wo sie herkommen sollen, aus Österreich, sondern aus Rumänien, aus Singapur, aus Kolumbien usw. Der billige Urlaub kommt nicht von unseren hohen Löhnen, sondern von den niedrigen in der Türkei. Der Faschismus, der in den industriellen Zentren schon lange vor der Türe steht, wird dort so lange nicht stattfinden, wie die Unzufriedenheit ihrer Massen zu einem genügend großen Teil exportiert - und billiges Konsumglück importiert - werden kann. Vom Kaffee am Morgen an (Mexiko), was sag' ich, von der Kaffeetasse an (Ungarn), ach, schon von der Unterhose an (Pakistan), nein, vom Wecker an (Taiwan) handelt es sich um Plünderware aus der sogenannten erst Dritten Welt. Schlimm, daß wir auf Kosten der Sklaven des internationalen Kapitals dort leben. Schlimmer, daß wir hier mit niedrigen Löhnen abzuspeisen sind und hohe Wohnungsmieten hinnehmen, weil wir das zum Teil mit den billigen Waren der multinationalen Hehlerbanden wettmachen können. Die Schmeichelei der Politiker von den "fleißigen und tüchtigen Österreichern, die durch ihre Arbeit Wohlstand geschaffen haben", ist so wahr wie gelogen. ja, sie sind fleißig und tüchtig. Nein, daraus stammt ihr bißchen materieller Wohlstand nicht.

Bevor wir den Kapitalismus in Österreich vernichten, könnte man sagen, müssen wir doch danach trachten, daß es allen Menschen auf dieser Erde wenigstens so gut geht wie den Menschen in Österreich. Aber, wäre zu antworten, wenn es auch nur einem Teil der Menschen in den Hungerländern einmal so gut geht wie den Menschen in Österreich, geht es den Menschen in Österreich nicht mehr so gut. Das heißt, wir müssen uns unsere Ansprüche dort sichern, wo wir sie schaffen: in Österreich. Und das heißt, das wir mit dem kapitalistischen Regime hier ums Eck müssen.

 

Wie?

 

Wie geht das? Da die kapitalistische Unordnung nicht von selbst in sich zusammenkracht, so sehr sie auch schon krachen mag, und da ihre Abschaffung nicht vom Himmel fällt, von dem schon gar nicht, ist es an uns, zu überlegen, wie wir mit unseren Händen in das da hineinkommen, was vor unseren Augen abläuft. Um die Diktatur des Geldes zu brechen, ist es unerläßlich, zu wissen, wie sie funktioniert. Und wie wir selber in sie eingespannt sind. Wir stehen ihr vielleicht mit unseren Wünschen gegenüber, unser wirkliches Leben (Schule, Arbeit, Einkauf, Freizeit, Wohnen, Medien usw.) findet aber unfreiwillig auf ihrer Seite statt. Mit jedem Griff, den wir tun, zum Autoschlüssel, zum Radio, zum Schraubenzieher, zum Bierglas, zum Klopapier oder zum Wahlzettel, stärken wir den Feind, den wir schlagen müssen.

Dieser Feind ist so schwer zu erkennen, weil er nicht von außen unser Land überfällt, sondern der ist, in dessen Armee wir selber stehen. Wenn wir von der angsteinflößenden Truppenstärke dieses Feindes, den wir niederzuwerfen haben, uns selber abziehen, bleibt jedoch wenig über, wovor wir uns fürchten müßten.

 

Freilich verfügt diese mehr papierene Macht über eine höchst wirkungsvolle, ganz weit vorgeschobene Position - in unseren Köpfen! Bevor wir diesen Vorposten nicht hinausschmeißen aus unserem Entscheidungszentrum, kann es nicht das unsere sein.

Bis dahin wird das, was unsere Augen sehen, nicht das sein, was ist, wird mit unserem Mund jemand anderer sprechen als wir, werden unsere Hände etwas anderes tun als richtig. Wir selbst sind es, die diesen Vorposten in uns auf das Bereitwilligste versorgen. Es ist einmal so, daß nichts so wirksam den klaren Blick auf das Ganze trübt, wie Empörung über dies und das. Weil das die Herrschenden vor uns erkannt haben, verabreichen sie uns über ihre Medien wohlfeile Empörung bis zum Schlechtwerden. Kein Mensch weiß mehr wohin mit diesen ausschnittweisen Ungeheuerlichkeiten eines Straßenbau-Skandals da und eines Abfertigungs-Skandals dort, weiß, wo er den neuen Müll-Skandal und den neuen Haider-Skandal und den neuen Firmenpleiten-Skandal und den neuen Fleisch-Skandal und den neuen Milch-Skandal und den neuen Banken-Skandal und den neuen AK-Skandal und den neuen Umwelt-Skandal und den neuen Spenden-Skandal und den neuen Budget-Skandal und den neuen Wohnbau­Skandal noch hintun soll. Wir meinen ja, mit den Skandalen, die die Medien "aufdecken", seien wir schon dicht an einer Verände­rung dran. Aber diese Empörung ist nicht der erste Schritt zur Veränderung, sondern der sichere Abstandhalter dazu! Niemand kann sich so schön empören wie Profil-Leser. Niemand ist weiter davon entfernt, diese empörende Gesellschaftsordnung umzuschmeißen. Die Aufgabe der Medien ist es ja gerade, die Zusammenhänge, die bestehen, zu zerreißen. Dann können sie an einzelnen Ungeheuerlichkeiten bringen, was und wieviel sie wollen. Derzeit ist die verabreichte Empörung über einen aus allen Zusammenhängen herausgelösten Haider ihr stärkster Trumpf.

Die auf ihn fixierte Kamera und der auf ihn eingeschränkte Blatt­Aufmacher können ihn freilich unmöglich entlarven. Hier wird dank Bildfüllung nicht mehr von ihm gezeigt, sondern weniger. Die Ware, die die Massenmedien, schön eingepackt, politisch und kommerziell erfolgreich verkaufen, ist Nichtwissen. Wer noch etwas weiß, wird mit Standard, Kurier, Profil, News usw. zum total informierten Nichtwisser. Die Medien schieben sich voluminös zwischen uns und die unhaltbaren Zustände. Das ist ihre Aufgabe in diesem System. Solange sie die bestehende Mißordnung so elegant schützen, können Polizei und Bundesheer in den Kasernen belassen werden. (Mehr dazu steht in FÖHN 17 ­ "Drucken wie gelogen".) 

Eine Demokratie, die eine ist, und kapitalistische Presse schließen einander radikal aus. Derzeit schließt eben noch die kapitalistische Presse eine Demokratie, die eine wäre, radikal aus. Wer Profil und Co. auf seiner Seite sieht und z.B. die von Profil & Co. geprügelten Haiderwähler auf der anderen, hat doppelt unrecht. Wenn wir schon bei den Störmanövern sind, die uns vom anstehenden Kampf gezielt auf Nebenfronten ablenken sollen, ist z.B. auch daran zu denken, was etwa der Greenpeace-Weltkonzern mit uns aufführt oder der vom britischen Königin-Gemahl präsidierte . Welche Flausen vielen von uns da wieder von ganz oben in den Kopf gesetzt werden! Ach, wie nah viele der gutmeinenden Umweltaktivisten (an der Basis dieser Unternehmen) an dem dran sind, was zu tun ist! Ach, wie weit weg! Es sei hier das Sandkastenspiel gestattet, diese einsatzfreudigen Kampftruppen dorthin zu verlegen, wo sie hingehörten. Man stelle sich vor, der würde sich wie für die Einsetzung von Bären für die Einsetzung von Betriebsräten engagieren, die Tierbefreier würden polnische Bausklaven bei der Firma Stuag aus einem Wohn-Container befreien und Greenpeace würde statt den schmutzigen Abfluß eines Industriebetriebes dessen schmutzigen Geldfluß an den Landeshauptmann W. abdrehen. Die Kampfgruppe Vier Pfoten würde nicht nur bei den Hühnern, die für eine große Firma Eier legen, auf artgerechte Haltung schauen, sondern auch bei denen, die für eine große Firma Teppiche legen. Die Idealisten von Rettet den Wald könnten statt den Freikauf einer Fluß-Au den der rumänischen Abspüler aus den Tiroler Hotelküchen organisieren, die Weltverbesserer von der Initiative Stopp Tierversuche! könnten gegen die Menschenversuche in unseren Kliniken einschreiten, und die Draufgänger von Global 2000 könnten statt Straßen-Umfahrungen genausogut Steuer-Umgehungen blockieren. Es soll hier nicht behauptet werden, daß solche eingreifenden Aktionsgruppen ein Ansatz zur erforderlichen Ausschaltung des Kapitalismus seien - und auch nicht, daß sie keiner seien. Etwa wenn eine schneidige Kampfeinheit statt eines brutalen Tiertransports mit Schlachtvieh aus Deutschland nach Italien einen brutalen Kurdentransport mit "Schlachtvieh" von Deutschland in die Türkei stoppen würde, oder statt militant gegen den Walfang irgendwo militant gegen den Wahlfang hier vorgehen würde, oder statt einer Kampagne gegen das Tragen von Zuchtpelzen aus "unmenschlicher" Fabrikation eine gegen das Tragen von Humanic-Schuhen aus unmenschlicher Fabrikation ('Lieber ginge ich nackt, als ...") starten würde, oder statt sich an einen Baum anzuketten und auf einen Schornstein zu klettern ...

 

Nebenbei gesagt: Daß sich die Haiderwähler von Greenpeace & Co. kaum beeindrucken lassen, spricht schon sehr für sie. So billig ist ihre Wut nicht zu haben.

 

So ausführlich über den Horror des real existierenden Kapitalismus zu reden und über die enormen Schwierigkeiten, die seiner Überwindung entgegenstehen, mündet schnurstracks in lähmender Frustration, wenn die Möglichkeiten zu seiner Beseitigung nicht auch erkannt werden.

Wo sind nun die Leute, die diese "Diktatur des Geldes" (Cosmos­Werbung) zu Fall bringen können? Wo ist ihr Antrieb zur Änderung? Wo ist gar der Plan zur Revolution? Der Reihe nach.

 

Lob der Haiderwähler

 

Wahlen in der kapitalistischen Demokratie haben auch den Zweck, die Bevölkerung gezielt, immer wieder, an der falschen Stelle zu spalten. In Wahrheit gehören 95 Prozent der Haiderwähler und 95 Prozent der Vranitzkywähler, ja überhaupt 95 Prozent der Wähler und 95 Prozent der Nichtwähler zusammen. Sie haben miteinander mehr zu tun als mit irgendeinem Parteichef. Daß sie's nicht wissen, ist schlecht, ändert aber nichts an dieser Tatsache.
Nun ist es aber doch so, daß es sich bei der Haiderwählerschaft um die in ihrer Unzufriedenheit mit diesem System am weitesten fortgeschrittene Bevölkerungsgruppe handelt. Das, und nicht, daß sie Haider wählen, macht sie so beachtenswert. Der Begriff Haiderwählerschaft ist überhaupt schlecht, weil diese Menschen ihr Leben ja nicht als Haiderwählerinnen und Haiderwähler zubringen, sondern z.B. als Lkw-Lenker, Landwirtin, Handelsvertreter, Liftangestellter oder Sekretärin, und weil dieser Begriff seine Wählerschaft gar so fest an Haider bindet. In Wahrheit macht jener sie ja nur sichtbar als Zahl. Er ist sozusagen der Zählautomat. Es ist auch nicht eigentlich er, der sie vermehrt hat, sondern doch wohl die kapitalistische Wirklichkeit. Wenn seine falsche Propaganda sie aus der SPÖ und aus der ÖVP richtigerweise herauslöst, so ist das zuallererst einmal gut und nicht schlecht.

Schlecht ist, daß er mit ihnen abpaschen will.

Die Haiderwähler sind sehr interessant. Haider selber ist vollkommen uninteressant. Nichts liegt mir ferner, als ihm am Zeug zu flicken. Ganze Batterien von Journalisten und Wissenschaftern reden pausenlos auf ihn ein und versuchen, ihn umzustimmen. Er habe einmal das gesagt und sage jetzt jenes, tragen sie ihm ganze Buchstapel voller Zitate nach. Ob er das eine nicht zurücknehmen wolle und endlich das andere von sich geben? Als ob man Haider vor sich selber erschaudern machen und bekehren könnte - oder auch nur sollte! Die uns von diesen Haider-Kritikern aufgenötigte Frage "Was tun gegen Haider?" verdient als Antwort die Frage "Was tun mit den Haiderwählern?"

Haider ist soetwas von wurscht. Der Aufwand, der hier am falschen Ort getrieben wird, kann unmöglich Zufall sein. Als ginge es darum, das Kreuz einen Zentimeter ober der FPÖ oder einen Zentimeter unter der FPÖ - und nicht etwa über die Lebensverhältnisse selbst! - zu machen. Mit soviel Blindheit kann doch z.B. ein ganzes Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes prallvoll mit Wissenschaftern gar nicht geschlagen sein.  Diese Haider-Entrüster sind für eine Politik, die den Kapitalismus wegputzt, wohl viel weniger zu haben als die Haiderwähler. Wie rückwärtsgedreht diese ganz auf den einen Haider, statt auf die Massen von Haiderwählern fixierten Meinungsmacher sind, zeigen sie auf das Dümmste mit ihrer oftmaligen Gleichsetzung Haiders mit Hitler. Mit welcher Perspektive sollte denn so eine Anschauung verknüpft sein, frage ich, wenn nicht mit der der Schicksalhaftigkeit, der Opferrolle und der Flucht?
Viele der lautesten Haider-Gegner sind vor allem Haiderwähler-Gegner. Z.B. haben die Medien bloß Verachtung für die Haiderwähler übrig (News. "Underdogs", "Nicht-Gebildete"). Ich kann mir auch lebhaft vorstellen, wie es Haider innerlich geradezu vor Ekel beutelt, wenn er es im Wahlkampf mit seinen unaufgeräumten, vom Leben deutlich ramponierten Sympathisanten zu tun hat, sodaß er wie in Panik zwischendurch dreimal unter die Dusche eilt und im Halbstundentakt komplett von oben bis unten mit Duftwasser neu eingelassen werden muß. Wenn es zwei Seiten gibt, auf denen man politisch stehen kann, dann stehen die Haiderwähler auf der Haider gegenüberliegenden Seite. Und die erwähnten Haider-Gegner stehen auf der den Haiderwählern gegenüberliegenden.

Selbst dann, wenn die Haiderwähler selber Reaktionäre wären, läge nichts näher, als um sie zu kämpfen, und nichts ferner, als sie aufzugeben. Denn die "feindlichen Truppen" sind, wie der erfolgreiche chinesische Heerführer Mao Tse-Tung sagt, "nicht nur unsere Hauptquelle von Waffen und Munition, sondern auch eine wichtige Quelle unseres Soldatenbestands". Darum muß auch noch derjenige Haiders breite Anhängerschaft positiv sehen, der sie als Bataillon des Feindes betrachtet: Die Armee unserer Gegner ist so groß! So viele Kämpfer können wir für unsere Sache gewinnen!

Dabei ist es aber schon so, daß die Haiderwähler in der überwiegenden Zahl unsere Leute sind. Auch wenn sie's nicht wissen! Auch wenn wir's nicht wissen! Wer diese Leute wegwirft, wirft seine eigene bessere Zukunft weg. In ihren Köpfen ist mehr los als in den Köpfen der meisten Vranitzky- oder Schüssel-Wähler! Daß ihr Leiden nirgendwo hinfindet als zu solchen wie Haider, ist mehr uns vorzuwerfen als ihnen. Wir müssen sie abholen gehen dorthin, wo sie recht haben. (Und das haben sie wahrscheinlich in 80 Prozent der Sachen.) Dort müssen wir sie treffen (nicht im Sinne von abschießen, sondern von in Empfang nehmen). Kritik an Haider ficht sie nicht an. Kein Lächerlichmachen, kein Niederschreien, keine Auflistung seiner Sager. Die Haiderwähler sind in erster Linie nicht von Haider aufgeschaukelt, sondern von den Verhältnissen. Sie haben alles Recht der Welt, unverhohlen unzufrieden zu sein. Nicht sie sind, wie man uns weismachen will, das Problem, sondern die Zustände. Auch die Schuhe werden für gewöhnlich den Füßen angepaßt, und nur im Märchen vom Aschenbrödel ist es umgekehrt.

 

Von ihrer Lebenssituation her ist der überwiegende Teil der Haiderwähler wie geschaffen dafür, die herrschenden Verhältnisse umzustoßen. Keinen einzigen dürfen wir verachten. Zum Entsetzen der BSAler-Söhnchen und -Töchterchen (BSA = "Bund Sozialistischer Akademiker"), denen die Journalisten den Arsch lecken, wenn sie auf die Haiderwähler pfeifen, sei es gesagt: auch die Bullen nicht, die Haider wählen. Mehr noch. Wo - vielleicht am Rande einer Haider-Kundgebung - Bürgerkinder und Polizisten aneinandergeraten, haben wir es, wie der kommunistische italienische Filmemacher und Schriftsteller P.P. Pasolini gesagt hat, eher mit den letzteren zu halten, "weil die Polizisten Söhne von armen Leuten sind". Ihnen steht es besser an, so unwissend, so verhetzt sie vielleicht sein mögen, den Sturz aller Herren zu wollen.

So wenig ich z.B. an einem ehemaligen SPÖ-Wähler zu kritisieren wüßte, daß er heute FPÖ wählt, so viel an jenen, die ihm dies vorwerfen. Als die Million Menschen, die ihm inzwischen ihre Stimme gibt, sich noch vor wenigen Jahren mehrheitlich für SPÖ oder ÖVP entschieden hat, hatte bezeichnenderweise noch niemand etwas auszusetzen an ihnen. Wer Haider als Faschisten bezeichnet, "der den Menschen nach dem Mund redet", der sagt nichts anderes, als daß seine Wähler Faschisten sind. Wenn der ein Antifaschist ist, der einen anderen Faschisten nennt, ist folglich der am meisten Antifaschist, der am meisten Faschisten nennt. In dieser ungeheuerlichen Verleumdung von einer Million Österreicherinnen und Österreicher treffen sich die Haider-Kritiker gar nicht zufällig punktgenau mit Haider, der einmal gemeint hat: "Die FPÖ ist keine Nachfolgeorganisation der NSDAP, denn wäre sie es, hätte sie die absolute Mehrheit." Die Frage, ob die, die Haider wählen, einen Faschisten wählen, ist eine ganz andere als die, ob die Haiderwähler Faschisten sind. Um diese Unterscheidung geht es die ganze Zeit. Selbst das schwarze Meinungsforschungsinstitut Fessel hat zugeben müssen, daß bei den Haiderwählern die "nationale Grundtendenz der FPÖ mit 2% an letzter Stelle aller Motive stand". Wie weit fortgeschritten die Verwirrung mancher Haiderwähler-Gegner schon ist, führt uns Thomas Maurer in seinem aktuellen Bühnenprogramm am eigenen Beispiel vor (Bericht der Tiroler Tageszeitung vom 4.1.96): "Was Jörg Haider betrifft, stellt der Kabarettist fest, daß der lediglich deshalb eine 'ernsthafte Bedrohung der Demokratie ist, weil ihn so viele wählen'. Folgerichtig müsse man zur Verteidigung von Toleranz und Liberalität den 'Modernisierungsverlierern, die blau wählen, das Wahlrecht aberkennen'."

Haider ist, wenn wir wollen, nur der nützliche Trottel, der uns das Potential vorführt, das vorhanden ist. Alles, was auf ihn abstellt, ist falsch. Was auf seine Wähler abstellt, ist richtig. ja, Großkapital, den kannst du haben. Nein, seine Sympathisanten nicht. Zwischen Haider und die Haider-Anhänger müssen wir hinein. Sie von ihm abkoppeln. Sie werden im Gegensatz zu ihm noch gebraucht, um die Dinge wirklich zu ändern.

Wenn man den Haiderwählern sagt, ihr lauft dem Falschen nach, muß man sofort, ohne dazwischen zu schnaufen, dazusagen, daß es keinen Richtigen gibt, dem man nachlaufen sollte. Das Schlechte, das oben über die FPÖ gesagt wurde, kann im wesentlichen auch über SPÖ, ÖVP, LIF, Grüne, KPÖ usw. gesagt werden. Wie auch das Gute, das über die meisten FPÖ-Wähler zu sagen ist, im wesentlichen auch über die meisten Nichthaiderwähler zu sagen ist. Nur viele von ihnen allen zusammen, wenn auch vielleicht mit einem Teil der Haiderwähler an der Spitze, können diese ungerechte Gesellschaftsordnung zu Fall bringen. 

 

Dem, den diese Menschen nicht gefallen, ist zu sagen, daß es nur die Menschen gibt, die es gibt. Und nicht die in Bücher hineingedichteten und die irgendwo aufgemalten. Es hat keinen Sinn, auf andere zu warten. Solange solche Zustände herrschen, wird es immer nur solche abgeben und nicht die, die wir gerne hätten. Ganz gewiß ist an ihnen viel auszusetzen. Aber, auch wenn sie 100mal Unrecht hätten, müßte man mindestens 101mal um sie kämpfen. Die Leute, die den Kapitalismus auf den Müllhaufen der Geschichte werfen können, existieren. Aber sie sind nicht in dem Zustand, es zu tun. Was liegt näher, als sie zu verbessern?

Das ist genau die Arbeit, die ansteht.

 

Am blinden Veränderungswillen der Haiderwähler ist das Blinde das Schlechte und der Veränderungswille das Gute. Sie wählen das scheinbar Radikalste, das im Angebot ist. (Ein Nichtwählen oder Ungültigwählen kommt ihnen besonders falsch vor.) Wo denn sollten diese Leute hingehen als zum Haider? Es ist nirgendwo etwas da, was leuchtet. Und von nichts wird halt gar niemand angezogen. Von der wirklichen Alternative zur FPÖ, die gar nicht existiert, muß keiner erst abgelenkt werden, um nicht hinzugeben. Daß es Sauereien gibt, wissen die Leute. Nur, wie sie ihnen entkommen, nicht. Solange es keine Agitation gibt für ein Gemeinschaftssystem, das diesen Namen verdient, nutzt die ganze Aufdeckungsarbeit (auch des FÖHN) nichts. Oder eben (schlimmer): Haider. Solange kein Bezugspunkt außerhalb dieses Systems der Kapitalverbrechen sichtbar (gemacht) wird, haben die auch über noch soviele einzelne Kapitalverbrechen Aufgeklärten keine Wahl. Bis dahin ist unsere Arbeit soviel wert wie die, einem Verhungernden alles über die Schädlichkeit seines Hungers zu erzählen.

 

Daß die Masse nicht an die Notwendigkeit, noch gar an die Möglichkeit eines Umsturzes der Verhältnisse denkt, geschweige denn glaubt, ist zum einen der herrschenden Propaganda zuzuschreiben, zum anderen uns. Wer, wenn nicht wir, sollte dem abhelfen? Die Menschen sehen sich zwar als Opfer der Gesellschaft, aber und da wirkt die lückenlose Dressur von der Kinderkrippe an nicht zugleich auch als ihre Gestalter. Unsere eigene ununterbrochene Anklage des Kapitalismus (FÖHN 1 - 21) nimmt sie auch vorwiegend in ihrer unpassenden Rolle als Opfer der Verhältnisse wahr und nicht auch in der ihnen auf den Leib geschriebenen als Produzenten der Verhältnisse.

 

Wie weit ist es doch zum allernächsten! Dahin, daß die Menschen bei ihren Leisten bleiben, das heißt, ihre Sache selber in die Hand nehmen. In den 20er-, 30er Jahren konnte man, denke ich, wenn man auf etwas Hoffnungsvolles zeigen wollte, auf KPD, KPÖ, KPI usw. zeigen. Heute können wir den Finger nirgendwohin richten - als auf uns selber.

 

Lob der Wut

 

Wenn Haider, wie es heißt, die Wut der Leute schürt, dann schürt er eine Wut, die da ist. Wir haben ja schon fast geglaubt, sie wäre in billigem Feierabendglück ersäuft worden. Wenn man Haider für irgendetwas dankbar sein müßte, dann dafür, daß er diese vorhandene riesengroße, mächtige Wut sichtbar gemacht hat. Sie ist das Kostbarste, was wir haben. Denn Wissen über die Zustände und über deren Überwindbarkeit kann man sich aneig­nen, Wut nicht.

Ein Teil des Frustes wird, bevor er Wut werden kann, mit impor­tiertem Schnickschnack zugedeckt (siehe oben), ein andrer wird von den Medien pulverisiert, in den Urlaub exportiert, in eine Schiabfahrt hinuntergestürzt usw.. Das Unbehagen, das stark genug ist, sich zwischen allen diesen Fallen durchzuschlagen zu Empörung, hat sich Haider ausgeliehen. Ihm gelingt es, Vertrauen zu gewinnen, indem er in verführerischer Weise die Bedürfnisse und brennendsten Nöte der Massen anspricht. Zu meinen, jemand, der so mies ist wie Haider, spekuliere auf die miesesten Gefühle der Menschen, ist komplett falsch. Er spekuliert natürlich auf die besten Gefühle der Massen. Das ist das Schlimme! Nicht, daß er eine Million Stimmen hat. Sondern daß er die wunderbare, wertvolle Wut dieser Leute abschleppt. Um die Dinge zu ändern, wird diese Wut über die Dinge gebraucht. Wir dürfen nicht zurückschrecken vor ihr. Sie ist ein zu kostbares Gut, als daß wir jemand damit durchbrennen lassen könnten. Es ist Energie. Es ist unsere Energie. Die Haiderwähler verdienen etwas viel Besseres als Haider. Er ist weit unter ihrem Bedarf. (Ja, Haider kehrt die Wut der Leute ganz im Sinne des Systems gegen sie selber. Ihre Ablehnung der Flüchtlinge ist nichts anderes als die Ablehnung der eigenen sehr positiven Freiheitskräfte. Mit dem Haß auf Arbeitslose, Sozialrentner usw. bekämpft er bei seinen Anhängern deren revolutionäre leistungshemmende Sehnsucht nach weniger Arbeit, anderer Arbeit, gerechtem Anteil am Erarbeiteten - ganz nach Wunsch der Besitzenden.)

Einen Teil der Haiderwähler zeichnet auch Gewaltbereitschaft aus. Auszeichnen meine ich wörtlich: im Sinne von hervorheben, adeln. Wie oft hört man: "Dia do oben miaßat man ... !", "Dia ghearatn ja alle ... "Den sollt man sofort ... Die Gewaltbereitschaft an sich ist nicht hoch genug einzuschätzen. Wo sie geblendet wird, haut sie freilich voll daneben.

Gewalt ist die allernatürlichste Reaktion auf die Gewalt, die u.a. auf dem Lohnzettel steht, im Mietvertrag oder auf dem Kassabon des Supermarktes. Daß wir sie als negativen Kraftüberschuß z.B. im Sport verhetzen, im Straßenverkehr Unheil anrichten oder im familiären Infight gegen uns selber losgehen lassen, scheint uns normal. Aber der Ort, wo sie hingehört, ist der, wo sie herkommt. Die Gewalt, die aus vielen Haiderwählern zu brechen nicht: droht, sondern: verspricht, ist im wahrsten Sinne des Wortes notwendig. Ohne sie ist die Gewalt, die herrscht, nicht umzubringen. Um das leisten zu können, muß die in den Unterdrückten systematisch erzeugte Gewaltfähigkeit aber von der Form eines jähen Ausbruchs in die dauerhafter Stärke übergeführt werden. Die individuelle Abreaktion, zu der sie neigt, muß überwunden werden zugunsten organisierter Militanz.

 

Lob des Wissens

 

Wir haben schon einige sehr gute Voraussetzungen, um dem Zeitalter des Kapitalismus ein Ende setzen zu können: Wie wir gesehen haben, schreien die Zustände danach, existieren die Menschen bereits, die ihn hinwegfegen können, und sind viele von ihnen mit ihrer Empörung schon fast auf 100. Was bei weitem nicht Schritt hält, ist das Wissen um die Überwindbarkeit der momentanen Situation.

 

Wir wissen ja nix. Wir wissen, mit wem der britische Thron­folger ein Verhältnis hat, und wer 1994 den Oscar für die beste Regie .... und wann Karl Schranz ... Aber von dem, was uns angeht, haben wir keine Ahnung. Es ist zum auf den leeren Kopf greifen! Wo ist das Wissen, das uns zusteht? Nicht nur das über die Schweinereien, sondern das darüber, wie man die laufende Produktion von Schweinereien ein für allemal abstellt. Woher kommen die richtigen Ideen? Aus SAT-Schüsseln kommen sie nicht. Auch bei hundert Kanälen nicht. jede kleinste richtige Idee kommt dort a) nicht vor und wird b) noch mit hundert falschen zugeschüttet. Weil die Leute keine Vorstellung haben, wie diesem System beizukommen ist, geraten sie an einen, der verspricht, dem beizukommen. Die von ihrer eigenen Stärke nix wissen, setzen ihre Hoffnung klarerweise in einen Starken. Es darf sich keiner ereifern darüber, daß nichts anderes in den Köpfen drinnen ist, der nichts anderes hineintut. Wir sollten uns nicht bei den Fehlern Vranitzkys oder Haiders oder Petrovics aufhalten. (Die machen nämlich gar keine, oder höchstens für ihre Partei.) Es geht um unser Fehlen. Wörtlich! Um unser Nichtvorhandensein! Es wäre ja nett, wenns mit Profil-Lesen ginge. Aber aus dem System heraus wächst das revolutionäre Wissen nicht. Auch auf dem Mist von noch soviel Skandalgeschichten nicht. (Darum sind sie alle zusammen auch so ungefährlich und nur dem Umsatz dienlich.) Das führt nur zu Herumirren: einmal vielleicht vorwärts, einmal rückwärts, einmal vielleicht linksum, einmal rechtsum.

Dabei ist das gewaltige Wissen darüber, wie den herrschenden Zuständen ein Ende gesetzt werden kann, zu einem guten Teil bereits vorhanden (auch wenn es unserem Auge verborgen ist). Es geht also zuallererst darum, es uns zu erschließen. Alles andere ist Arroganz oder Einverständnis mit dem, wie es ist! Karl Marx, Friedrich Engels und W.I. Lenin vor allem haben mit ihren Analysen des Kapitalismus das Wissen zutagegefördert, wie er besiegt werden kann. Nur ein Dummkopf kann sich selbst freiwillig von so großartigen Quellen abschneiden.

Die Diktatur des Geldes muß gestürzt werden, um einem Gemeinschaftssystem Platz zu machen, in dem sich alle Menschen wohlfühlen können, eines, in dem wir keine Herren über uns und keine Sklaven unter uns mehr haben. Dazu sind die Untersuchungen von Marx & Co. unbedingt nötig. Sie sind aber auch zuwenig, wenn sie nicht auf die neue Entwicklung und die neuen Schwierigkeiten ausgedehnt werden. Sie sind das Kleine lxl, ohne das wir politisch zwei und zwei niemals werden zusammenzählen können. Aber wenn es genügend Leute von uns beherr­schen, wird mit uns zu rechnen sein. 

 

Dieser FÖHN hat in Fortführung des vorigen das in der Öffentlichkeit derzeit wie kein zweites diskutierte Thema Haider auf das zurückgeführt, was Sache ist. Er hat seine Fortsetzung nicht in einem nächsten FÖHN, sondern kann folgerichtig nur in die dringende Empfehlung münden, der lebenswichtigsten Literatur, die die Menschheit heute besitzt, nicht länger auszuweichen. Der FÖHN kann an diese Lektüre nur heranführen. Auch noch soviele Hefte dieser Zeitschrift können sie in keiner Weise ersetzen. Wenn alle diejenigen, die mehr wollen, als sich wohlfeil z.B. über Haider zu entrüsten, sich grundlegend über die eigentlichen Zusammenhänge informieren, rücken wir auch Haider und den Mithaidern aller Vereine wirksamer zu Leibe als mit dem nächsten Dutzend Anti-Haider-Bücher.

Mit diesem wertvollen Wissen muß die oben geschilderte Unzufriedenheit zusammengebracht werden, damit das hoch explosive Gemisch aus Verbitterung und Aufsässigkeit am richtigen Ort losgeht. Es ist der Funke, auf den die Empörung in den Herzen vieler brennt. Sie allein ist nichts, und er allein ist nichts. An das gewaltige Vorwissen müssen die zurecht Empörten herangeführt werden. Es muß zu ihnen hingebracht werden. Wenn der verbogene, heute vielfach verleumdete Haß vieler Haiderwähler auf die Zustände (und der etwas anders verbogene vieler Nichthaiderwähler) und das verschüttete, heute übelst verleumdete Wissen über die Überwindbarkeit dieser Zustände zueinanderfinden, wird deren Sturz nicht aufzuhalten sein. Die Menschen warten darauf, zu erfahren, wie das herrschende Unrecht bezwungen werden kann. Wie lange werden sie warten? Werden sie lange genug warten?

In den brechend vollen Buchhandlungen, den bis zum Oberboden vollgestopften, denen mit den Paletten voller Ramsch bis auf den Gehsteig heraus, steht kein einziges Werk derer, die aus dem gründlichsten Studium des Kapitalismus heraus Lehren gewonnen haben darüber, wie er zu bezwingen ist. Warum wohl? Och, muß ihm dieses Wissen gefährlich sein!

Wie anders sollte man das verstehen, als als klare Aufforderung, sich in deren Schriften zu vertiefen? Der FÖHN bietet seinen Leserinnen und Lesern an, ihnen bei der so schwierigen Beschaffung einiger sehr lesbarer Werke der grundlegenden revolutionären Literatur behilflich zu sein.

Willkommen in der Wirklichkeit!